Lesen Sie die Bild, Madam?

Udo Vetter berichtet im Law Blog über eine Werbeaktion der Bild-Zeitung zu ihrem 60. Geburtstag. Am 23.06.2012 soll die aktuelle Ausgabe der Zeitung in jedem Briefkasten Deutschlands landen – in jedem. Gezielt will man sich, so Vetter, über Aufkleber á la „Keine Werbung einwerfen“ hinwegsetzen. Und dann berichtet er darüber, wie er mit einem im Vorfeld – natürlich juristisch wasserdicht – formulierten Schreiben seinen Briefkasten zum Gallischen Dorf machen will.

Heiß her geht es in den Kommentaren. Absolut lesenswert sind die kreativen Vorschläge zur Bild-Boykottierung und Entsorgung. Wer möchte, kann ein Ratespiel daraus machen, welche der „Was regt ihr euch eigentlich so auf, es gibt Wichtigeres!“-Kommentare von Mitarbeitern des Axel-Springer-Verlags stammen könnten – denn Vetter erweckt den Anschein, als gebe es solche.

Für mich sieht das nach dem Anfang einer großen Internetkampagne aus, das Thema ist absolut Meme-fähig. Ich freue mich schon auf lolcats-in-Briefkästen-Bildern, Anti-Bild-Schäublonen, das Video-Turtorial „Wir basteln uns einen Spam-Kasten!“ und ein Exklusiv-Interview mit Markus Beckedahl im ARD-Brennpunkt. Und vielleicht schaffen wir es bis dahin ja tatsächlich, eine Methode zu finden, die vor Gratiseinwurf schützt – wirksam!

Kesslers Expeditionen

Gerade sitze ich vor der Glotze und gucke Michael Kessler zu, wie er mit einem Esel von Berlin an die Ostsee wandert. Für das Quiztaxi fand ich den Kessler eigentlich immer genau die richtige Besetzung. Er passte gut in die Sendung und war souverän darin, Leute durch Berlin zu kutschieren und sich mit denen über ihr Leben zu unterhalten. Aber hier, in dieser Sendung „Kesslers Expeditionen„, finde ich ihn gerade einfach nur furchtbar. Dieses zwanghafte Geduze aller Leute, die er ungefragt anlabert, dieses schlecht nachgemachte Berlinerisch. Mit aufgesetzter Lockerheit stellt er ziemlich doofe Fragen:

„Fühlt ihr euch jetzt eigentlich als Wendeverlierer?“

Gegenfrage: Meint er wirklich, jemand würde das vor seiner Kamera zugeben?

Irgendwie habe ich auch das Gefühl, das eigentlich die meisten Leute gar nicht wirklich mit ihm reden wollen. Er biedert sich halt krampfhaft an, und man merkt es:

„Nen rotierenden Lautsprecher, weißte Bescheid, ne“

- „Jaja, genau, hehe, jaja!“  (und kreist mit dem Finger).

Ich kann mir nicht helfen, aber da fand ich die frühere Umsetzung einer ähnlichen Idee von Martin Sonneborn besser, der 2008 für den Film Heimatkunde entlang des Mauerstreifens um Berlin lief. Der wirkte auf mich ehrlicher, weil er nicht den lockeren Burschen von Nebenan spielte, sondern man ihm angemerkt hat, dass er mehr mit einem journalistischen Ansatz unterwegs war – auf der Suche nach guten (Nach-)Wendegeschichten. Bei „Kesslers Expeditionen“ fehlt glaube ich so ein bißchen das Konzept, die Idee war wohl „Wir gehen mal einfach los und filmen Leute“. Heimatkunde scheint in ein bißchen engeres Korsett gepresst, aber wirkt dadurch irgendwie auch stringenter.

meine 2011er Blogstatistik

Hallo liebe Leser,

ihr seit auf I have recently become happy and I find it over-rated. Die automatisch von wordpress erstellte Statistik 2011 des Blog sieht nicht gerade rosig aus. Aber weils so schön gemacht ist: schaut euch die Verpackung an, und nehmt den Inhalt nicht zu kritisch:

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

Hier ist eine Zusammenfassung:

Eine Cable Car in San Francisco faßt 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 1.300 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 22 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Schöne Bescherung, mit Christian Wulff und Co.

Weihnachtszeit, Zeit der Besinnung… Wer im ganzen Trubel eine halbe Stunde Zeit findet, dem lege ich aus aktuellem innepolitischen Anlass die NDR-Dokumentation „Der Drückerkönig und die Politik“ über den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer ans Herz. Der Name Maschmeyer fiel gestern und heute in der Berichterstattung über die Kreditaffäre des aktuellen Bundespräsidenten Christian Wulff. Die Doku ist besonders relevant, weil Wulff, neben anderen Politik-Nasen wie Gerhard und Kristina Schröder eine prominente Rolle in ihr spielen. Der Film wirft nochmal ein ganz spezielles Licht auf die aktuellen Vorwürfe gegen Wulff, beleuchtet Sie sozusagen intensiver, weil der Film schon fast ein Jahr alt ist. Der Fokus liegt nicht auf Wulff, aber die dargestellten Sachverhalte geben seinem Verhalten eine tiefere Dimension.

Anfang dieses Jahres wurde eine Version gesendet, bei der einige Aussagen und Szenen einem Beschluss des Berliner Landgerichts zum Opfer fielen. Beide Versionen, die usprüngliche sowohl als als die geschnittene, kann man sich im Netz ansehen. Ich finde, die geschnittene Version ist durchaus lohnenswert. Der Reporter Christoph Lütgert macht sich nämlich sehr schlau die Mühe, an den jeweils beanstandenen Szenen darauf hinzuweisen, was jetzt warum nicht gezeigt werden darf. So wird erst richtig transparent, an welchen Kritikpunkten sich Maschmeyer stört.

Bei mir funktioniert der Player nicht, aber anscheinend kann man sich hier diese geschnittene Version ansehen, oder zumindest über die beanstandeten Szenen nachlesen. Auf dem ARD-Channel bei youtube gibt’s das Original, ich embedde das mal ohne Garantie, dass der Link lange funktionieren wird.

Das ganze ist auch eine kleine Warnung vor unsäglichen Spendengalas, die uns zwischen Weihnachten und Silvester wieder im TV erwarten werden.

Wie man sein Facebook-Konto löscht

Ja, die Überschrift bringt sicher Seitenaufrufe ohne Ende. Aber es ist wahr. Gestern habe ich meinen Facebook-Account gelöscht. Eine Woche vor der Löschung habe ich eine Nachricht auf meiner Pinnwand gepostet, in der ich meine Freunde bat, mir ihre E-Mail-Adressen zukommen zu lassen oder mich nach meiner zu fragen, falls sie mit mir in Kontakt bleiben möchten. Ich war vorher ziemlich skeptisch was diese Vorgehensweise angeht. Immerhin ist ja bekannt, das Facebook aussortiert, wessen Posts man auf der eigenen Pinnwand sieht, und so hatte ich den Verdacht, vielleicht nicht alle erreichen zu können. Aber das Feedback war wirklich toll. Ich habe ein paar sehr nette Nachrichten bekommen und ein paar Handynummern wurden durchgegeben – die meisten hatte ich ja schon, aber manchmal ist es ganz gut auf Nummer sicher zu gehen. Ich würde sagen, von den etwa 130 Freunden, die ich auf Facebook hatte, haben sich etwa 5 extra gemeldet. Das klingt erstmal sehr wenig, ist aber recht gut, wenn man bedenkt dass die meisten meiner Freunde auch in Berlin wohnen und wir uns regelmäßig sehen, bzw. gemeinsame Bekannte haben, die wir regelmäßig sehen. Ich habe mich über jede dieser Nachrichten sehr gefreut. Drei Leute habe ich vorher explizit angeschrieben und darauf hingewiesen, dass ich mich abmelden werde und wir unsere E-Mail-Adressen sicherheitshalber nochmal überprüfen müssen. Alle drei waren extrem wichtige Fälle für mich, es handelt sich um Leute, die ich in meiner Zeit in Manchester kennen gelernt habe und die alle mehr oder weniger weit weg im Ausland wohnen. So weit weg, dass ich nicht weiß wann und wo mal eine Gelegenheit herkommen soll, sich wiederzusehen.

Um die Gründe darzulegen, warum ich mich von Facebook verabschiedet habe, müsste ich, wenn ich ausführlich antworten soll, auch in Manchester anfangen. Außerdem wirds so ne kleine runde Geschichte von der man sich unterhalten lassen kann. Für alle, die keine Lust aufs Lesen haben, die Kurzbegründung lautet: Der Nutzen von Facebook stand in keinem Verhältnis mehr zur investierten Zeit. Ich will nicht sagen, dass er gegen Null tendierte, aber er war schon letztendlich sehr gering. Natürlich könnte man mir vorwerfen, ich hätte dann ja einfach weniger Zeit in Facebook investieren können. Dies hätte aber meiner Meinung nach nur dazu geführt, dass der Nutzen noch geringer wird. Denn wer auf Facebook nicht schreibt, kommentiert, interagiert, der bekommt auch nichts zurück und die Activity-Leiste bleibt leer. Ganz im Sinne einer Selbstverstärkung hätte das also dazu geführt, dass ich Facebook irgendwann auch nicht mehr genutzt hätte. Warum also den Patient lange quälen und weiter Zeit verschwenden? Ich habe mir lieber den Gnadenschuß gegeben.

Zurück zu Manchester. Die Geschichte beginnt in der Kategorie „Oma und Opa erzählen von vor dem Krieg“. Denn damals…damals, als ich mich bei Facebook angemeldet habe, brauchte man noch eine gültige E-Mail-Adresse einer englischen Universität, um überhaupt Mitglied werden zu dürfen. Facebook war damals den Studenten vorbehalten, und zwar sogar meines Wissens nach nur den us-amerikanischen und britischen. Die hatten nämlich schon alle ihr Facebook-Konto, wären die europäischen Austauschstudenten sich alle erst anmelden mussten. Was noch eine ganze Woche nach Ankunft in Manchester dauerte, denn erst dann bekamen wir eben besagte E-Mail-Adresse @student.manchester.ac.uk. Bis dahin war ich laut Aussage einer meiner Mitbewohnerinnen „socially dead“, denn das war man eben als Student in England ohne Facebook. Fast fünf Jahre ist das jetzt her. In Manchester habe ich Facebook tatsächlich rege genutzt, um mich mit anderen Leuten zu vernetzen. Die Schattenseiten wurden auch ziemlich schnell deutlich – anhand der schlechten Beispiele anderer. Unvergesslich, wie ich einmal einer Studentin aus dem Nachbarhaus auf offener Straße begegnete, nachdem ich eine Woche lang jeden Tag neue Bilder im Activity Feed sah, deren Aussage immer die gleiche war „…wurde getaggt in einem Bild von der und der Party“. Wir schauten uns an und schmunzelten, wussten wir doch beide, das sie gerade von einer sehr langen, wilden Partytour zurückkam – ohne das sie mir das erzählt hätte.

Zurück in Berlin überlegte ich kurz, ob ich mein Konto wieder löschen sollte. Mit meinen deutschen Freunden hatte ich ja keine Möglichkeit, darüber zu kommunizieren. Dafür gab es myspace. Ich habe mich dann entschieden, dass Konto zu behalten, um mit meinen Freunden, die ich in Manchester kennengelernt habe, in Kontakt zu bleiben. Und musste in den kommenden Jahren erstaunt feststellen, wie immer mehr meiner Bekannten sich dort anmeldeten und mich in Freundeszahlen und Aktivitäten weit überholten. Der zeitliche Vorsprung hat mir nichts genützt – obwohl ich auch nicht vorhatte, auf Facebook Freunde zu „sammeln“.

Irgendwann wurde myspace unbenutzbar. Zugeknallt mit eingebetteten Videos und Flashplayern stürzten Bandprofile reihenweise ab und Musikhören wurde nahezu unmöglich. Dann waren auf einmal alle auf Facebook. Der schlußendliche Auslöser, meinen myspace-account zu löschen war dann, als ich irgendwann feststellte, das alle alten Nachrichten – auch die, die ich extra gespeichert hatte – nicht mehr abrufbar waren. Vermisst habe ich myspace nicht. Und nun also Facebook. Warum tendierte der Nutzen gegen Null? Erstmal hat mich das „neue“ Facebook extrem gestört. Statt alle Neuigkeiten im Activity-Feed zu sehen, auswählbar nach „Top News“ und chronologischer Erscheinungsweise, waren die chronologischen Meldungen auf einmal in ein Mini-Fenster auf die rechte Seite verbannt, und in der Mitte erschienen immer wieder die selben zehn Nasen. Ich hatte niemals die Lust dazu, einzeln Freunde auszuwählen und deren News-Feed zu abonnieren. Extreme Zeitverschwendung. Ich denke, vielen meiner Freunde ging es ähnlich, denn die Kommentare und Likes auf meine Post wurden immer weniger. Sehr viel weniger. Dann habe ich zweimal versucht, eine Party über Facebook zu organisieren und bin grandios gescheitert. Gut, einmal lags am Wetter, aber demotiviert war ich trotzdem. Hinzu die vielen, vielen Nachrichten über rechtliche und Datenschutzfragen. Ich mochte meine tollen Urlaubsbilder einfach nicht dort hochladen. Ich mochte irgendwann auch keine persönlichen Nachrichten mehr über Facebook schreiben. Ich bin mir bewusst, das Facebook teilweise zum Sündenbock gemacht wird und mein Google-Mail Konto auch nicht besser ist. Aber da ist der Nutzen für mich größer. Wenn ich eine E-Mail schreibe, kommt auch was zurück.

Der Punkt ist: Facebook hält die Illusion aufrecht, dass du mit Menschen in Kontakt bist, aber das bist du nicht. Du könntest deine vielen Freunde, von denen du lange nichts gehört hast, anschreiben, um zu hören wie es ihnen geht, aber du kommuniziert immer nur mit den selben Leuten. Denen, zu denen du eh Kontakt hast. Du tust es nicht, weil du es ja jederzeit könntest. Die Möglichkeit lähmt deine Handlung. Ich schreibe „du“ statt „ich“, weil es nicht nur mir so geht. Deshalb habe ich mich entschieden, Facebook lebewohl zu sagen. Wer mich drankriegen will, an den PC, ans Telefon oder an Skype, der kriegt mich. Wen ich treffen will, bei dem meld ich mich. Und wen ich zufällig auf der Straße treffe, über den freu ich mich und halt ein kleines Pläuschen. Der Rest ist geschenkt. Vielleicht versuch ichs irgendwann nochmal mit social networking. Wenn diaspora endlich ans Netz geht.

Das Facebook-Konto löschen geht übrigens ganz einfach. Einfach in der Hilfe-Suche „Facebook löschen“ eingeben und dem Link folgen. Und ein letztes noch: Ja, ich weiß, dass die meine Daten noch haben. Ich wollte nicht warten, ob es in tausend Jahren mal möglich sein wird, die zum Löschen zu verpflichten.

Über die Unruhen in Manchester

In der letzten Nacht, auf den 10.08.2011, verschob sich der Fokus der momentan in England stattfindenden Unruhen von London in den Norden – besonders in Manchester und Birmingham wurde geplündert, aber auch Liverpool wurde nicht verschont. Ein etwas mulmiges Gefühl ist es schon, ein Bild von Manchester, für viele in Deutschland eine eigentlich recht unbedeutende Stadt, als Aufmacher auf allen Nachrichtenkanälen zu sehen. Immerhin ist die Stadt meine hauptsächliche Fernweh-Projektionsfläche und ich habe ein halbes Jahr dort gelebt. Daher habe ich, nachdem ich gestern abend auf tagesschau.de kurz las, das gerade in Manchester randaliert wird, die halbe Nacht damit verbracht, mich im Internet über die Ereignisse auf dem Laufenden zu halten. Nachdem ich die Fakten in der Uni alle schon vor Jahren gelernt hatte, gab es nun auch endlich meine persönlichen Internet-Twitter-Kommunikation-OpenData-Bürgerjournalismus Aha-Momemte.

Zunächst einmal hat die Live-Berichterstattung auf Guardian.co.uk meine wichtigsten Neugierden sehr gut befriedigt. Hier ist das Skript der Nachrichten, die letzte Nacht verbreitet wurden. Sehr gut, um sich einen Überblick zu verschaffen, Quellen kommen aus verschiedensten Richtungen (Augenzeugen, Polizei, andere Nachrichtenseiten, Twitter) und werden immer genannt. Die einzelnen Texte sind kurz und prägnant, aber detailliert und enthalten keine Allgemeinplätze.

Außerdem haben die Redakteure eine Karte gebastelt, auf der alle gemeldeten und von der Polizei verifizierten Vorfälle eingezeichnet sind. Ich konnte mir also anschauen, wo genau die Zwischenfälle stattfanden. Anders all in London beschränkten sich die Ereignisse in Manchester in der letzten Nacht wirklich nur auf das Stadtzentrum – andere Wohngebiete waren nicht betroffen.

Die Guardian-Karte mit Fotos ist noch ein bißchen dürftig bestückt. Aber der Flickr-pool, den die Redakteure angelegt haben, ist riesig.

Fast noch beeindruckender als die überwältigend genaue Arbeit beim Guardian fand ich die Kommunikation der Greater Manchester Police. Unter dem Kürzel GMP wurde ich die ganze Nacht lang auf Twitter informiert, was die Polizei gerade tut. Es wurden Hinweise zu öffentlichen Verkehrsmittel gegeben und Kontaktmöglichkeiten genannt, unter denen man sich als Zeuge melden kann. Und vor allem hat die GMP versucht, auf die Fragen anderer Twitter-Nutzer zu antworten. Dazwischen als Würze Ansagen wie „Viele Verdächtige auf Überwachungskameras festgehalten. Wir werden euch identifizieren und wir werden euch kriegen.“ Wem’s noch nicht spannend genug war, das machte die Sache richtig aufregend.

Vielleicht kann man auf die „Na wartet“-Sprüche verzichten. Das ist britischer Sarkasmus, der funktioniert in Deutschland einfach nicht. Ansonsten kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass die Berliner Polizei so kommunizieren würde, zum Beispiel am 01.Mai. Falls es jemand anders weiß, lasse ich mich jedoch gerne eines Besseren belehren.

Meine dritter Info-Punkt war die Facebook-Seite Manchester riot – updates 2011. Leider hab ich noch nicht herausfinden können, wer dahinter steckt. Aber als Sammelstelle für youtube-Videos von Zeugen war die Seite letzte Nacht bestens geeignet.

Nichtsdestotrotz hoffe ich natürlich, dass heute Nacht alles ruhig bleibt – in Manchester und anderswo. Über Gründe für die Aufstände brauche ich hier nicht lang und breit zu schwadronieren, statt dessen zwei Links: einen deutschen, von tagesschau.de: Da hilft nur eine ganz andere Politik; und einen englischen, vom Guardian: The psychology of looting. Beide treffen des Pudels Kern meiner Meinung nach recht gut – der englische lohnt sich wirklich. Mein persönliches Gefühl war immer, dass uns England in Sachen politischer und sozialer Probleme um Längen voraus ist. Wer über deutsche Politik gemeckert hat, dem habe ich oft gesagt: In England ist es noch viel krasser. Darin fühle ich mich jetzt leider bestätigt. Vor allem hoffe ich daher, das England seine Probleme in den Griff bekommt. Das wird ein langer Weg sein, aber jetzt gibt es keinen Grund mehr, nicht den ersten Schritt zu machen.

Die Geschichte von Manchester

BBC Manchester Radio hat eine sehr spannende Serie gemacht über die Geschichte von Greater Manchester – Manchester und die angeschlossenen Orte. In jeder Folge wird eine Stadt von Leuten vorgestellt, die sich mit deren Geschichte auskennen. Weil sie zum Beispiel im Museum arbeiten, in der Bibliothek, oder als Reiseführer. Jeder erzählt etwas über ein bestimmtes Ereignis, das mit dem Platz verbunden ist, und erklärt die Bedeutung für die Geschichte den Großraums Manchester. Dabei sind die Episoden nicht chronologisch angeordnet, sondern in thematischer Abfolge. So wird im ersten Teil eine Verbindung geschaffen zwischen dem ersten elektronischen Computer, genannt „Baby“, und dem Kampf gegen die Illegalität von Homosexualität in den 60er Jahren – und zwar über den Hinweis auf Alan Turing, Erfinder von „Baby“ und Opfer von Zwangshormonbehandlung gegen seine homosexuelle Neigung. Überraschende Fakten (unter der Victoria Train Station wurden im 20. Jahrhundert Tote begraben) reihen sich ein mit den Superlativen Manchesters: Dort stehen etwa die Kathedrale in Großbritannien, in der die meisten Ehen geschlossen wurden, sowie die älteste noch bestehende öffentliche Bibliothek im gesamten englischen Sprachraum.

Für Manchester selbst gibt es fast zu viele historisch bedeutende Ereignisse, um sie in 50 Minuten zu behandeln: Erwähnt werden unter anderem Ernest Rutherford, der hier seinen ersten Schritte in der Nuklearphysik machte, Charles Rolls und Henry Royce, die hier groß ins damals noch unbekannte Automobilgeschäft einstiegen, und Emmeline Pankhurst, die mit ihrer politischen Radikalität den Grundstein für die Emanzipationsbewegung legte. Auch eine kurze Begegnung mit Manchester United darf nicht fehlen.

Spannender dürften die Episoden über die Vororte von Manchester werden, die in den anderen Episoden behandelt werden. Da bleibt bei 50 Minuten sicher mehr Zeit, ausführlich über bedeutende Persönlichkeiten und wichtige Ereignisse zu sprechen.

Das Ganze hat nur einen Haken: Die BBC stellt die Sendungen nur für einen begrenzten Zeitrahmen zur  Verfügung. Die erste Sendung wird nur noch heute online abrufbar sein. Es ist schon enttäuschen, hier über etwas zu schreiben, was schon bald nicht mehr zur Verfügung stehen wird. Ich vermute mal, dass es rechtliche Gründe dafür gibt. Ärgerlich ist es in jedem Fall. Ich hätte gerne für eine digitale Kopie bezahlt und auf die BBC-Seite verlinkt, damit ihr es mir nachmachen könnt. So wird der Link zur Sendung leider sehr bald ins Nichts führen.

Gefunden habe ich die Sendung bei Northern Voices. Ich werde mal nachfragen, vielleicht kann man mir da einen Tipp geben, wie ich an einen Mitschnitt der Sendung gelange.

 

verlinken und andere schreiben lassen II

aus der kategorie „dinge, die die welt nicht braucht“: der schniblo-tag.

mehr auf maedchenmannschaft.net

früher war alles schöner: autos

ich behaupte nicht, dass früher alles besser war. aber schöner waren manche dinge schon. deshalb eröffne ich hier mal eine neue kategorie mit eben jenem motto „früher war alles schöner“, und der erste beitrag soll sich autos widmen. warum? wenn ich meinen internetbrowser öffne, wird mir als startseite ein zufällig ausgewählter wikipedia-eintrag angezeigt. und das war gerade eben der eintrag zum citröen c-buggy. und mein erster gedanke war: wow, das muss das hässlichste auto der welt sein. hier ist es: (auf die fotos klicken für ein größeres bild)

citröen c-buggy

citröen c-buggy

die reifen viel zu prollig und wuchtig, die schnauze eingedrückt wie bei einem überzüchteten mops. ist das ergodynamisch überhaupt erlaubt? die quietschgelben neonsitze sehen nicht gerade gemütlich aus mit ihren metalleinbuchtungen auf kopfhöhe und sind nächste saison modisch schon wieder voll überholt. dazu noch dieser hässliche grill vorn dran, diese sinnlose heckscheibe. wieso braucht ein auto ohne frontscheibe eine heckscheibe? gibts beim autofahren massive rückenwindaufkommen, von denen ich bis jetzt noch nichts mitbekommen habe? Und was soll dieser schwarze extra plasteteil hinter dem fahrersitz? ist das ein billiger klappstuhl, den der fahrer sich als schutzschild umstülpen kann? aber der hammer ist das schweißmaukenschaufenster – der durchguck auf fusshöhe. sicher sehr praktisch als aufräum-anreiz für leute, die dazu tendieren den fussraum ihres autos vollzumüllen. Aua!

welch augenschmaus im vergleich dazu dieser volvo 1800s aus den sixties:

Volvo 1800s

Volvo 1800s

ordentlich angeordnete felgen, klassisch-edle farbe, schneidiges gesamtbild. vergleicht mal die zwei autos hinsichtlich des designs ihrer scheinwerfer, ihrer rückspiegel, der form der motohaube, der kanten im metall, mit denen subtile farbwirkung erzielt werden kann… und, welches auto hat gewonnen?

ebay artikelbeschreibungswahnsinn

musste gerade mächtig laut loslachen bei folgender ebay-beschreibung:

ebay-verkaufsargument, das nicht von der hand zu weisen sein scheint

ebay-verkaufsargument, das nicht von der hand zu weisen sein scheint

was mir so alles durch den kopf geht:

- da hat wohl jemand geglaubt, diese phrase würde noch glaubwürdiger und geiler klingen als „artikel in top zustand“ oder „wie neu“

- tja, warum nicht mal was kaufen, was man schon hat? für die musikindustrie war das jahrelang ein wunderbar einträgliches geschäftsmodell!

aber am wichtigsten:

- „ich würde nur sachen verkaufen, die ich selber kaufen würde“… warum gehts du dann den umweg über ebay? warum behälst du deinen plunder dann nicht einfach gleich?

google street view – virtueller tourismus für daheimgebliebene

(UPDATE: Bilder wurden nochmal mit höherer Auflösung hochgeladen.)

gestern nacht ist google street view in deutschland gestartet. gerade vertreibe ich mir die zeit damit, in berlin nach ein paar kuriositäten zu suchen. los gehts:

von den fünf häusern, in denen ich in berlin bisher gewohnt habe, ist eines verpixelt. es fällt mir auf, dass es einige straßenzüge gibt, in denen ganz schön viel an häusern unkenntlich gemacht wurde. und ja, auf den ersten blick stört es schon. aber beim zweiten gucken wird mir klar, dass man wahrscheinlich nicht viel verpasst. die verpixelten häuser sehen sicher nicht viel anders aus, als die links und rechts daneben.

interessant sind kleine „sprünge“ in der kontinuität. hier stehen drei leute an der ampel:

leute da

leute da

aber nur wenn man aus der einen richtung guckt. geht man einen virtuellen schritt weiter, sind sie plötzlich weg:

leute weg

leute weg

dieses mädchen findet google street view höchst seltsam. „papa, guck mal!„:

papa guck mal

papa guck mal

und auch diesen menschen ist das auffällige auto nicht entgangen:

alle gucken

alle gucken

man könnte google auch einen vorwurf machen: street view lügt! denn wer ahnungslos nach einer schönen wohnung in kreuzberg sucht, könnte fast meinen, die gegend um die admiralbrücke wäre ruhig und friedlich. da lohnt es sich, gleich mal die bewertungen zu lesen, die in der sprechblase auf der karte eingeblendet werden, wenn man im suchfeld admiralbrücke, berlin eingegeben hat. alles klar?

admiralbrücke auf google street view

admiralbrücke auf google street view

und nein, es sind auch nicht plötzlich partytouristen da, wenn man die ansicht wechselt. verlockend ist der gedanke aber bestimmt auch für die anwohner anderer gegenden: ein klick, und die störer sind weg.

auch andere, ansonsten belagerte orte sind erstaunlich menschenleer. das brandenburger tor zum beispiel:

brandenburger tor auf google stree

brandenburger tor auf google stree

google war wohl hauptsächlich in den frühen morgenstunden unterwegs, damit sich auf den ansichten keine menschenmassen drängeln. allerdings scheint das auto nicht direkt vom brandenburger tor zum reichstag, der ja quasi um die ecke liegt, gefahren zu sein. denn dort war man wohl mitten in der stoßzeit:

schlange vorm reichstag

schlange vorm reichstag

auf dem weg zum großen stern habe ich noch etwas entdeckt: hier können wir sehen, wie street view funktioniert: es werden von einer kamera, die auf dem dach eines fahrenden autos angebracht ist, in alle himmelsrichtungen fotos geschossen. diese werden dann am computer zusammengefügt. auf diesem screenshot sieht man die grenze zwischen zwei solchen fotos einwandfrei. und die kamera auf dem autodach auch.

so funktionierts

so funktionierts

schlecht bearbeitet, was, google?

in dieser position einmal kurz um die eigene achse drehen. und schon sieht man: dass street view auto zu verpixeln, daran hat google schon gedacht:

street view auto

street view auto

warum heißt es eigentlich verpixeln? verwischen wäre doch viel eher angebracht…

am großen stern erschließt sich mir direkt eine praktische anwedungsmöglichkeit für street view. es könnte wunderbar in fahrschulen eingesetzt werden. es soll ja schon jede menge menschen gegeben haben, die an diesem kreisverkehr verzweifelt sind..

kreisverkehr am großen stern

kreisverkehr am großen stern

stundenlang könnt ich so weiter gucken. aber genug von mir. nun begebt euch mal selber auf die spielwiese. schaut nach drogendealern, bordellgängern oder freunden und bekannten. ich hab schon einen gefunden, der geht aber leider grad nicht ans telefon. auf die reaktion, wenn ich ihm zeige, wo er frontal und trotz unkenntlichmachung super erkennbar im bild rumsteht, bin ich mal gespannt!

Word up, God!

aus der Kategorie „bescheuerte Begründungen“:

sagt John Shimkus, republikanisches Mitglied des House Committee on Energy and Commerce, des Komitees für Energie und Handel des U.S. Congress, als Begründung dafür, dass wir uns wegen dem Klimawandel keine Sorgen machen bräuchten:

„Mit der Erde wird es erst zu Ende sein, wenn Gott ihre Zeit für gekommen hält. Die Menschheit wird diese Erde nicht zerstören. Diese Erde wird nicht von einer Flut zerstört werden. Ich glaube daran, dass Gottes Wort unfehlbar, unveränderlich und perfekt ist!“

und bewirbt seine Kandidatur für den Vorsitz in eben diesem Komitee mit folgendem Satz:

„In einer Gruppe begabter Mitbewerber um die Führung des Committee on Energy and Commerce bin ich in besonderem Maße qualifiziert.“

man fragt sich, ob diese Qualifikation in dem Zitieren einschlägiger Bibelstellen besteht, und warum dies das im Komittee nötige Fachwissen sein soll!

Zombies kennen keinen Fahrplan

Gestern, als wir auf der Party um drei feststellten, dass wir jetzt eine Stunde länger feiern dürfen, wurde von Betroffenen berichtet, dass die Bahn ihre Züge im Oktober bei der Zeitumstellung auf der freien Strecke eine Stunde lang einfach anhalten lässt, damit die Fahrpläne eingehalten werden. Ein Zug, der 2:15 Uhr in Bremen losfährt, könne ja unmöglich um 2:10 in Hamburg ankommen. Man hält den deutschen Otto Normal Verbraucher wahrscheinlich für hoffnungslos inkompetent, weswegen er auch jedes halbe Jahr aufs Neue erklärt bekommen muss, ob die Uhr nun vor oder zurück gedreht wird.Natürlich gilt das tatsächlich pro Deutsche Bahn hervorgebrachte Argument, dass man die geschenkte Stunde in der Bahn doch super zum Lesen nutzen könne, nicht. Denn nicht die Bahn schenkt einem die Stunde, sondern die Regierung, und man könnte auch einfach durchfahren und die geschenkte Stunde zu Hause im Bett verbringen. Oder mit Freunden, oder auf Arbeit. Es fallen einem spontan tausend mittelmäßig schöne Dinge ein, die aber immer noch besser wären, als in mittelster Nacht eine Stunde in einem Zug auf freier Strecke zu verbringen. Zugführer und Schaffner freuen sich vielleicht am ehesten, dass sie eine Stunde rumhängen bezahlt bekommen.

Ansonsten lieferte der eben beschriebene Fakt nach der ersten Ungläubigkeit viel Raum für Phantasie. Man stelle sich vor, wie das so ist, im Zug zu hängen, sowohl räumlich als aus zeitlich in einem Zwischenreich, irgendwo zwischen Rheine und Meppen und zwischen 3 und 2 Uhr. In der Fiktion werden Utopien meist an solchen Orten plaziert, die auf der Landkarte nicht verortbar sind und von denen niemand weiß, wann sie eigentlich existiert haben oder existieren werden. Dystopien aber auch, und was wäre am Halloween-Abend naheliegender gewesen, als sich ein paar schaurige Gedanken darüber zu machen, was in so einem Zug alles passieren könnte. Dann multipliziert man die Szenerie einfach ein paar Mal, denn es hält ja nicht nur ein Zug zur Un-zeit im Nirgendwo, sondern überall in Deutschland welche, und fertig ist der Horrorfilm, abgedreht in Görlitz und mit den beliebtesten deutschen Nasen Jessica Schwarz und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen – Er im RE 33020 zwischen Rostock und Schwerin, wo kaltblütige Terroristen die freigesetzte Zeit nutzen, um mit der Leitkultur aufzuräumen („Der erste Schuss ging 03:36 Uhr. Nein, ich meine 02:36 Uhr. Nein, 03:36. Verdammt, wann denn nun?“ – „Gib’s auf Johnny, wir können denen nichts nachweisen. Diese fiesen Tötungsmaschinen sind einfach zu schlau für uns!“) – und sie im RE 23020 zwischen Kaiserslautern und Saarbrücken, wo nachts zwischen den Zeiten auf einmal die Geister des ersten Weltkriegs aus den Schützengräben steigen. („Oh mein Gott, das Licht im ganzen Zug ist ausgefallen. Von da hinten kommt so ein eiskalter Windhauch. Zombies! Aaaaargh!“)

Eine schöne Vorstellung könnte das sein, doch als wir auf eine ebenso spannende und im fiktionalen Entertainment gern benutzte Thematik, nämlich Zeitreisen, kamen, fiel uns auf, wie schnell die Geisterstunde in der Deutschen Bahn entzaubert werden kann. Denn neben Zug-Terroristen, Zombies und Zeitreisen („Hey Klaus, guck mal, da drüben bin ich selber, aber das bin ja ich vor 30 Minuten.“ – „Vorsicht, du darfst dir nicht selber über den Weg laufen, sonst zerspringt das Raum-Zeit-Kontinuum. Und jetzt sieh zu, wie du dich selbst davon abhälst, die Zug-Toilette mit Graffiti zu beschmieren, denn nur so kannst du den Lauf der Dinge ändern und die verheerende Entgleisung nach Weiterfahrt des Zuges verhindern.“) erschien uns eine Sache nun wirklich als absolut unrealistisch: Das die Deutsche Bahn im Frühling, wenn die Uhren eine Stunde vorgestellt werden, ebenfalls ihren Fahrplan einhalten kann..

 

Wo und wie kann man eigentlich Politik machen?

In Stuttgart sehen wir gerade, wie eine große Anzahl Menschen demonstriert gegen ein Projekt, dass laut seiner Befürworter demokratisch abgesegnet ist und das daher jeder Protestgrundlage entbehrt, meint Bahn-Chef Rüdiger Grube. Was parlamentarisch beschlossen sei, dagegen dürfe nicht mehr protestiert werden.  Die „Abstimmung zu Fuss“ hätte weniger Rang als die im Parlament. Und Demokratie wird von den Politikern  gemacht, nicht vom Volk.

Antje Schrupp nimmt den Streit zum Anlass, nach Luisa Muraro Politik als „die Suche nach Konfliktlösungen“ zu definieren und stellt die Frage, wo im Fall Stuttgart 21 eigentlich nach Lösungen des Konfliktes gesucht wird.

Das hat mich inspiriert, darauf mal ein Antwort zu geben, die sich von Stuttgart 21 abhebt, und politisches Engagement in unserer Gesellschaft generell zu verorten versucht.

Hier steht, was ich ihr im Kommentar geantwortet habe:

Das ist eine gute Frage, wo die Politik in unserer Gesellschaft stattfindet, wo Lösungen für Konflikte gesucht und diskutiert werden.

Man könnte ja mal ein kleines Brainstorming machen: Wo meint ihr, oder wo wisst ihr, dass sich Leute politisch engagieren? In meinem Bekanntenkreis fällt mir dazu folgendes ein: Sie treten Vereinen bei, arbeiten ehrenamtlich, z.B. in NGOs, unterstützen finanziell Interessengruppen wie greenpeace, foodwatch etc. Oder sie gehen demonstrieren, wie momentan in Stuttgart. Das sind alles Bereiche, in denen politische Arbeit stattfindet. Es ist allerdings meines Erachtens nach verwunderlich, dass ein großer Bereich fehlt, an den jeder doch mit als Erstes denken müsste: politische Arbeit in einer PARTEI.

Mit anderen Worten, politisches Engagement von Hinz und Kunz findet überall statt, nur nicht so sehr da, wo sie m.E. nach hingehört: in der Politik.

In den Medien wird oft „Politikverdrossenheit“ als ein Grundproplem unserer Gesellschaft beschworen, es wurde aber schon öfter festgestellt, dass es sich dabei wohl eher um „Parteiverdrossenheit“ handelt.

Und ich persönlich würde jetzt den Schluss daraus ziehen, dass es schade ist, dass die Politik also laut Muraro „woanders“ hingegangen ist. Die Leute sollten sich darauf besinnen, die Politik wieder dahin zu tragen, wo ihr Hauptaktionsfeld ist: in den Parteien, und sei es nur im örtlichen Kreisverband (immerhin geht es bei Stuttgart 21 eigentlich um ein regionales Anliegen).

Vielleicht kann man so jetz schon Beschlossenes nicht mehr stoppen, aber man stelle sich mal vor, die 50.000 Leute, die am Freitag gegen Stuttgart 21 protestiert haben, würden sich Parteien anschließen und dort Politik in ihrem Sinne machen. Würde das nicht viel mehr bringen, als die Politik an den Küchentisch, auf einen Überweisungsträger oder in eine Interessengruppe zu tragen?

Vielleicht hat auch hier jemand was dazu zu sagen, könnte zum Beispiel erklären, warum er eine Interessengruppe unterstützt, oder kennt sich damit aus, was politische Arbeit im Bezirk bringen kann etc.?

diese touristen

kleine anekdote aus der bahn.

an der friedrichstraße steigen zwei gut gelaunte frauen mit rollköfferchen  ein, setzen sich mir gegenüber. am hauptbahnhof stellen sie fest: hier haben wir doch vorhin mit dem zug schon angehalten, da hätten wir ja gar nicht bis zur friedrichstraße fahren brauchen, wir haben ja einen umweg gemacht!

an der nächsten station, bellevue, wird das ganze revidiert: moment mal, hier sollten wir doch gar nicht langkommen,wir fahren ja in die falsche richtung!

dann wird lautstark überlegt, ob man an der nächsten station, tiergarten, aussteigen soll und wieder zurückfahren: macht doch nichts, wir haben ja den ganzen tag zeit.

als der zug am tiergarten hält, haben die damen es sich anders überlegt: nee, wir nehmen lieber am zoo die u9, dann fahren wir nicht so doof hin und her und erleben noch was.

und als die bahn schon fast im bahnhof zoo einrollt, exklamieren die beiden lautstark beim anblick der gedächtniskirche: guck mal, da sind ja lippenstift und puderdose!

„lippenstift und puderdose“? in welchem reiseführer, rubrik „berlinern wie die ureinwohner“ haben die das den gelesen? sowas sagt doch hier gar keiner!

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