Archiv für den Monat Dezember 2008

Der Vorleser

Ein Trend der letzten Jahre Hollywood-Kino lautet ja, sich dem alten Europa anzunähern. Nachdem es irgendwann auffiel, dass sich das Große Kino immer öfter und unverhohlener der europäischen Stoffe bediente (z.b. bei der hollywood-aufbereiteten Darstellung des Lebens der Gebrüder Grimm als „Jacob“ (Heath Ledger) und „Will“ (Matt Damon), sind die Produzenten jetzt dazu übergegangen, Gemeinschaftsproduktion mit Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland etc. einzugehen. Ob Franka Potente als Freundin von Jason in den Bourne-Filmen, Jessica Schwarz als Prostituierte in Das Parfüm oder Alexandra Maria Lara als Torte von Ian Curtis in Control (wir erwähnen gar nicht erst Valkyrie) wahrscheinlich will man nun auch die letzten Hollywood-Verächter ködern, indem man europäische Schauspieler gewinnt und auf europäischem Boden dreht. Außerdem sicherlich nicht unerheblich ist die Erwartung der Produzenten, dass die Filme dadurch realistischer wirken, frei  nach dem Motto: Wir lassen die Deutschen bei ihrem deutschen Kram ein bißchen mitwirken, damits so aussieht als wenn der Film von Leuten gemacht wurde, die Ahnung haben. Aus dem selben Grund dürfen die Deutschen wohl auch öfter die Nazis spielen?

Zum place to be oder eher zum place to shoot mausert sich in den letzten Jahren Görlitz, diese östlichste Stadt Deutschlands, die zwar ansonsten mit allen üblichen Vorurteilen behaftet ist wie jede andere sächsische (oder ostdeutsche?) Stadt auch (dumme Leute, Arbeitslosigkeit, Faschos in der Politik und auf den Straßen), die aber auch mit Internationalität und Grenznähe wirbt und, und das war bisher das für Filmemacher entscheidende, mit hervorragend erhaltener Altstadt und günstigen Preisen gesegnet ist.

Den Anfang der „wir-drehen-für-unseren-Film-mal-in-Görlitz“-Reihe machte Around The World in 80 Days von Frank Coraci (Amerikaner), der 2004 in die Kinos kam, in den Hauptrollen Jackie Chan (sehr amerikanisch) und Steve Coogan (ur-britisch). Die Story übrigens basierend auf dem Roman Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne (Franzose), veröffentlicht 1873. Damals wurde Görlitz als Drehort ausgewählt, weil es möglich war, Szenen von überall auf der Erde in dieser Stadt vor realistisch wirkender Kulisse zu drehen. So musste die Görlitzer Innenstadt als Paris herhalten während die alten Gemäuer der Landskron Brauerei den Hafen von New York geben sollten.

Der nächste Film aus Görlitz steht nun in den Startlöchern. Heute habe ich den Trailer zu Der Vorleser, englischer Titel The Reader gesehen, die Verfilmung des wohl international erfolgreichsten deutschen Romans überhaupt (bis „Feuchtgebiete“?) von Bernhard Schlink. Auch hier muss Görlitz wieder als Kulisse für irgendetwas anderes herhalten, wenigstens darf es diesmal aber immerhin schon eine andere deutsche Stadt sein. Ansonsten dominiert wieder die „Internationalität“: Regisseur Stephen Daldry ist Brite, Ralph Fiennes (Amerikaner) sicherte sich die Rolle des moralisch ambivalenten Deutschen (Hilfe, ich liebte eine Aufseherin) und Kate Winslet darf die weibliche Hauptrolle Hannah Schmitz geben. Schon diese Wahl zeigt die Verarbeitung des Produkts für den globalen Markt, denn wie „ein Pferd“, grob, leicht übergewichtig, süßlich nach schweiß duftend wirkt Kate Winslet im Trailer nicht, auch wenn ich sie in der Rolle viel lieber sehe als die zuerst verpflichtete Nicole Kidman, die dann die Dreharbeiten wegen Schwangerschaft absagen musste.

Deutsche Schauspieler sind auch dabei, zum Beispiel die obligatorischen Bruno Ganz als personifiziertes schlechtes Gewissen und Alexandra Maria Lara darf auch in diesem film ein Piepsmäußchen mit unveränderbarem Gesichtsausdruck spielen. Die eigentlich dritte Hauptrolle, sozusagen den Ralph Fiennes in jungen Jahren spielt David Kross, der in Detlev Bucks Knallhart mit damals 15 jahren schon ein fantastisch gespieltes Filmdebüt ablieferte. Ihm und Kate Winslet beim Spielen zuzusehen, darauf freue ich mich. ansonsten  verspricht der Trailer ziemlich viel Schleim und Kitsch für meinen Geschmack – eben „ganz großes Kino“. Hier ist er:

Görlitz ist übrigens zu sehen in den Szenen mit den Gründerzeithäusern und wann immer eine Straßenbahn im Bild ist.

Als nächster polterte dann übrigens Quentin Tarantino durch Görlitz, der da für seinen neuen Film Inglourious Basterds drehte. Darin steht Görlitz für Italien und die Nazis dürfen wieder von den Deutschen (Daniel Brühl) gespielt werden. Wir sind gespannt, was als nächstes kommt, bestimmt kein Film über Görlitz selbst, Regie von den Coen Brüdern, mit Angelina Jolie als Görlitzer Hartz-Vier-Nazi und Moritz Bleibtreu als ihr polnischer Geliebter.Oder doch?

wie das mit der finanzkrise ist und was sonst noch so schief läuft

…kann man bei adrian mole nachlesen – in drei (tage)büchern, die umfassend den harten kampf des helden mit und gegen den wahnsinn des alltags beschreiben. von den schwierigkeiten der pubertätsjahre (das tagebuch des adrian mole, 13 3/4 jahre) bis zu den irgendwie noch härteren zeiten des erwachsenen mannes, der seinen mann nicht stehen kann. voll mit phänomenen, die wir alle kennen und solche, von denen wir vor jahren noch nichts geahnt haben wollen, wie hier:

„ich rief bei meiner telefonbank an und nannte meine codenummer, 9999, und mein passwort, yarmouth. die sachbearbeiterin, eine dame mit angenehmer stimme, war entsetzt, weil ich ihr das volle passwort genannt hatte. sie hatte mich gerade fragen wollen, wie der zweite buchstabe des passworts laute. hätte ich darauf geantwortet „a“, hätte sie mir den aktuellen kontostand meines jederzeit zugänglichen hochzinskontos sagen können. „so wie die dinge stehen“, sagte sie, „müssen sie jetzt ein neues konto eröffnen, denn ab sofort sind alle ihre codes auf null und nichtig gestellt.“

ich bittete und bettelte, marylin möge mich in die geheimnisse meines eigenen kontos einblick nehmen lassen, aber sie sagte: „die schließung ihres kontos ist vom computer verfügt worden. ich lasse ihnen per post ein antragsformular für ein neues konto zugehen.“

ich stellte die frage: „marylin, wo genau liegt eigentlich mein geld? wird es irgendwo an einem konkreten ort aufbewahrt, in einem gewölbe vielleicht?“

„ihr geld als solches existiert eigentlich nicht“, erläuterte marylin und fuhr fort: „ihr geld, mr. mole, ist eine abstraktion, die irgendwo zwischen den institutionen der finanzwelt im ungewissen herumwabert und vollkommen der gnade von inflationsraten und zinssätzen und dem gedeihen der weltwirtschaft ausgeliefert ist.“ sie fasste sich wieder und entschuldigte sich, die menschlichkeit sei mit ihr durchgegangen. ihre antwort war von selbstmörderischer offenheit gewesen.“

marylin hatte mich bereits darauf hingewiesen, dass unser gespräch auf band aufgenommen werde. ich versuchte, es noch etwas länger hinzuziehen, aber marylin, die mir verraten hatte, sie sei vierundvierzig, dunkelhaarig, mutter dreier kinder und verheiratet, sagte: „mr. mole, andere kunden warten bereits in der leitung.“

aus: sue townsend: adrian mole – die cappuccino jahre, wilhelm heyne verlag münchen, 2002 (hervorhebung von mir)