Archiv für den Monat Oktober 2010

Zombies kennen keinen Fahrplan

Gestern, als wir auf der Party um drei feststellten, dass wir jetzt eine Stunde länger feiern dürfen, wurde von Betroffenen berichtet, dass die Bahn ihre Züge im Oktober bei der Zeitumstellung auf der freien Strecke eine Stunde lang einfach anhalten lässt, damit die Fahrpläne eingehalten werden. Ein Zug, der 2:15 Uhr in Bremen losfährt, könne ja unmöglich um 2:10 in Hamburg ankommen. Man hält den deutschen Otto Normal Verbraucher wahrscheinlich für hoffnungslos inkompetent, weswegen er auch jedes halbe Jahr aufs Neue erklärt bekommen muss, ob die Uhr nun vor oder zurück gedreht wird.Natürlich gilt das tatsächlich pro Deutsche Bahn hervorgebrachte Argument, dass man die geschenkte Stunde in der Bahn doch super zum Lesen nutzen könne, nicht. Denn nicht die Bahn schenkt einem die Stunde, sondern die Regierung, und man könnte auch einfach durchfahren und die geschenkte Stunde zu Hause im Bett verbringen. Oder mit Freunden, oder auf Arbeit. Es fallen einem spontan tausend mittelmäßig schöne Dinge ein, die aber immer noch besser wären, als in mittelster Nacht eine Stunde in einem Zug auf freier Strecke zu verbringen. Zugführer und Schaffner freuen sich vielleicht am ehesten, dass sie eine Stunde rumhängen bezahlt bekommen.

Ansonsten lieferte der eben beschriebene Fakt nach der ersten Ungläubigkeit viel Raum für Phantasie. Man stelle sich vor, wie das so ist, im Zug zu hängen, sowohl räumlich als aus zeitlich in einem Zwischenreich, irgendwo zwischen Rheine und Meppen und zwischen 3 und 2 Uhr. In der Fiktion werden Utopien meist an solchen Orten plaziert, die auf der Landkarte nicht verortbar sind und von denen niemand weiß, wann sie eigentlich existiert haben oder existieren werden. Dystopien aber auch, und was wäre am Halloween-Abend naheliegender gewesen, als sich ein paar schaurige Gedanken darüber zu machen, was in so einem Zug alles passieren könnte. Dann multipliziert man die Szenerie einfach ein paar Mal, denn es hält ja nicht nur ein Zug zur Un-zeit im Nirgendwo, sondern überall in Deutschland welche, und fertig ist der Horrorfilm, abgedreht in Görlitz und mit den beliebtesten deutschen Nasen Jessica Schwarz und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen – Er im RE 33020 zwischen Rostock und Schwerin, wo kaltblütige Terroristen die freigesetzte Zeit nutzen, um mit der Leitkultur aufzuräumen („Der erste Schuss ging 03:36 Uhr. Nein, ich meine 02:36 Uhr. Nein, 03:36. Verdammt, wann denn nun?“ – „Gib’s auf Johnny, wir können denen nichts nachweisen. Diese fiesen Tötungsmaschinen sind einfach zu schlau für uns!“) – und sie im RE 23020 zwischen Kaiserslautern und Saarbrücken, wo nachts zwischen den Zeiten auf einmal die Geister des ersten Weltkriegs aus den Schützengräben steigen. („Oh mein Gott, das Licht im ganzen Zug ist ausgefallen. Von da hinten kommt so ein eiskalter Windhauch. Zombies! Aaaaargh!“)

Eine schöne Vorstellung könnte das sein, doch als wir auf eine ebenso spannende und im fiktionalen Entertainment gern benutzte Thematik, nämlich Zeitreisen, kamen, fiel uns auf, wie schnell die Geisterstunde in der Deutschen Bahn entzaubert werden kann. Denn neben Zug-Terroristen, Zombies und Zeitreisen („Hey Klaus, guck mal, da drüben bin ich selber, aber das bin ja ich vor 30 Minuten.“ – „Vorsicht, du darfst dir nicht selber über den Weg laufen, sonst zerspringt das Raum-Zeit-Kontinuum. Und jetzt sieh zu, wie du dich selbst davon abhälst, die Zug-Toilette mit Graffiti zu beschmieren, denn nur so kannst du den Lauf der Dinge ändern und die verheerende Entgleisung nach Weiterfahrt des Zuges verhindern.“) erschien uns eine Sache nun wirklich als absolut unrealistisch: Das die Deutsche Bahn im Frühling, wenn die Uhren eine Stunde vorgestellt werden, ebenfalls ihren Fahrplan einhalten kann..

 

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Wo und wie kann man eigentlich Politik machen?

In Stuttgart sehen wir gerade, wie eine große Anzahl Menschen demonstriert gegen ein Projekt, dass laut seiner Befürworter demokratisch abgesegnet ist und das daher jeder Protestgrundlage entbehrt, meint Bahn-Chef Rüdiger Grube. Was parlamentarisch beschlossen sei, dagegen dürfe nicht mehr protestiert werden.  Die „Abstimmung zu Fuss“ hätte weniger Rang als die im Parlament. Und Demokratie wird von den Politikern  gemacht, nicht vom Volk.

Antje Schrupp nimmt den Streit zum Anlass, nach Luisa Muraro Politik als „die Suche nach Konfliktlösungen“ zu definieren und stellt die Frage, wo im Fall Stuttgart 21 eigentlich nach Lösungen des Konfliktes gesucht wird.

Das hat mich inspiriert, darauf mal ein Antwort zu geben, die sich von Stuttgart 21 abhebt, und politisches Engagement in unserer Gesellschaft generell zu verorten versucht.

Hier steht, was ich ihr im Kommentar geantwortet habe:

Das ist eine gute Frage, wo die Politik in unserer Gesellschaft stattfindet, wo Lösungen für Konflikte gesucht und diskutiert werden.

Man könnte ja mal ein kleines Brainstorming machen: Wo meint ihr, oder wo wisst ihr, dass sich Leute politisch engagieren? In meinem Bekanntenkreis fällt mir dazu folgendes ein: Sie treten Vereinen bei, arbeiten ehrenamtlich, z.B. in NGOs, unterstützen finanziell Interessengruppen wie greenpeace, foodwatch etc. Oder sie gehen demonstrieren, wie momentan in Stuttgart. Das sind alles Bereiche, in denen politische Arbeit stattfindet. Es ist allerdings meines Erachtens nach verwunderlich, dass ein großer Bereich fehlt, an den jeder doch mit als Erstes denken müsste: politische Arbeit in einer PARTEI.

Mit anderen Worten, politisches Engagement von Hinz und Kunz findet überall statt, nur nicht so sehr da, wo sie m.E. nach hingehört: in der Politik.

In den Medien wird oft „Politikverdrossenheit“ als ein Grundproplem unserer Gesellschaft beschworen, es wurde aber schon öfter festgestellt, dass es sich dabei wohl eher um „Parteiverdrossenheit“ handelt.

Und ich persönlich würde jetzt den Schluss daraus ziehen, dass es schade ist, dass die Politik also laut Muraro „woanders“ hingegangen ist. Die Leute sollten sich darauf besinnen, die Politik wieder dahin zu tragen, wo ihr Hauptaktionsfeld ist: in den Parteien, und sei es nur im örtlichen Kreisverband (immerhin geht es bei Stuttgart 21 eigentlich um ein regionales Anliegen).

Vielleicht kann man so jetz schon Beschlossenes nicht mehr stoppen, aber man stelle sich mal vor, die 50.000 Leute, die am Freitag gegen Stuttgart 21 protestiert haben, würden sich Parteien anschließen und dort Politik in ihrem Sinne machen. Würde das nicht viel mehr bringen, als die Politik an den Küchentisch, auf einen Überweisungsträger oder in eine Interessengruppe zu tragen?

Vielleicht hat auch hier jemand was dazu zu sagen, könnte zum Beispiel erklären, warum er eine Interessengruppe unterstützt, oder kennt sich damit aus, was politische Arbeit im Bezirk bringen kann etc.?