Zombies kennen keinen Fahrplan

Gestern, als wir auf der Party um drei feststellten, dass wir jetzt eine Stunde länger feiern dürfen, wurde von Betroffenen berichtet, dass die Bahn ihre Züge im Oktober bei der Zeitumstellung auf der freien Strecke eine Stunde lang einfach anhalten lässt, damit die Fahrpläne eingehalten werden. Ein Zug, der 2:15 Uhr in Bremen losfährt, könne ja unmöglich um 2:10 in Hamburg ankommen. Man hält den deutschen Otto Normal Verbraucher wahrscheinlich für hoffnungslos inkompetent, weswegen er auch jedes halbe Jahr aufs Neue erklärt bekommen muss, ob die Uhr nun vor oder zurück gedreht wird.Natürlich gilt das tatsächlich pro Deutsche Bahn hervorgebrachte Argument, dass man die geschenkte Stunde in der Bahn doch super zum Lesen nutzen könne, nicht. Denn nicht die Bahn schenkt einem die Stunde, sondern die Regierung, und man könnte auch einfach durchfahren und die geschenkte Stunde zu Hause im Bett verbringen. Oder mit Freunden, oder auf Arbeit. Es fallen einem spontan tausend mittelmäßig schöne Dinge ein, die aber immer noch besser wären, als in mittelster Nacht eine Stunde in einem Zug auf freier Strecke zu verbringen. Zugführer und Schaffner freuen sich vielleicht am ehesten, dass sie eine Stunde rumhängen bezahlt bekommen.

Ansonsten lieferte der eben beschriebene Fakt nach der ersten Ungläubigkeit viel Raum für Phantasie. Man stelle sich vor, wie das so ist, im Zug zu hängen, sowohl räumlich als aus zeitlich in einem Zwischenreich, irgendwo zwischen Rheine und Meppen und zwischen 3 und 2 Uhr. In der Fiktion werden Utopien meist an solchen Orten plaziert, die auf der Landkarte nicht verortbar sind und von denen niemand weiß, wann sie eigentlich existiert haben oder existieren werden. Dystopien aber auch, und was wäre am Halloween-Abend naheliegender gewesen, als sich ein paar schaurige Gedanken darüber zu machen, was in so einem Zug alles passieren könnte. Dann multipliziert man die Szenerie einfach ein paar Mal, denn es hält ja nicht nur ein Zug zur Un-zeit im Nirgendwo, sondern überall in Deutschland welche, und fertig ist der Horrorfilm, abgedreht in Görlitz und mit den beliebtesten deutschen Nasen Jessica Schwarz und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen – Er im RE 33020 zwischen Rostock und Schwerin, wo kaltblütige Terroristen die freigesetzte Zeit nutzen, um mit der Leitkultur aufzuräumen („Der erste Schuss ging 03:36 Uhr. Nein, ich meine 02:36 Uhr. Nein, 03:36. Verdammt, wann denn nun?“ – „Gib’s auf Johnny, wir können denen nichts nachweisen. Diese fiesen Tötungsmaschinen sind einfach zu schlau für uns!“) – und sie im RE 23020 zwischen Kaiserslautern und Saarbrücken, wo nachts zwischen den Zeiten auf einmal die Geister des ersten Weltkriegs aus den Schützengräben steigen. („Oh mein Gott, das Licht im ganzen Zug ist ausgefallen. Von da hinten kommt so ein eiskalter Windhauch. Zombies! Aaaaargh!“)

Eine schöne Vorstellung könnte das sein, doch als wir auf eine ebenso spannende und im fiktionalen Entertainment gern benutzte Thematik, nämlich Zeitreisen, kamen, fiel uns auf, wie schnell die Geisterstunde in der Deutschen Bahn entzaubert werden kann. Denn neben Zug-Terroristen, Zombies und Zeitreisen („Hey Klaus, guck mal, da drüben bin ich selber, aber das bin ja ich vor 30 Minuten.“ – „Vorsicht, du darfst dir nicht selber über den Weg laufen, sonst zerspringt das Raum-Zeit-Kontinuum. Und jetzt sieh zu, wie du dich selbst davon abhälst, die Zug-Toilette mit Graffiti zu beschmieren, denn nur so kannst du den Lauf der Dinge ändern und die verheerende Entgleisung nach Weiterfahrt des Zuges verhindern.“) erschien uns eine Sache nun wirklich als absolut unrealistisch: Das die Deutsche Bahn im Frühling, wenn die Uhren eine Stunde vorgestellt werden, ebenfalls ihren Fahrplan einhalten kann..

 

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Veröffentlicht am 31. Oktober. 2010 in Nicht kategorisiert und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Habe eigentlich noch nie so richtig darüber nachgedacht (weil es mich mich nicht betroffen hat) – aber die Bahn ist wirklich so bl…. und läßt die Züge eine Stunde stehen! Gibt es keinen Anwalt, der mal dagegen klagen könnte. Z.B. – Verstoß gegen Personenbeförderungsgesetz, Freiheitsberaubung oder Nötigung (des Aufenthaltes an einem Ort, an dem ich nicht sein will)?

    Schade dass wir nicht in den USA sind, da könnte man doch sicherlich mindestens eine Million rausholen? Für den Anwalt wäre natürlich eine Sammelklage aller „Bahnfahrer“ zu diesem Zeitpunkt noch viel interessanter!

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