Über die Unruhen in Manchester

In der letzten Nacht, auf den 10.08.2011, verschob sich der Fokus der momentan in England stattfindenden Unruhen von London in den Norden – besonders in Manchester und Birmingham wurde geplündert, aber auch Liverpool wurde nicht verschont. Ein etwas mulmiges Gefühl ist es schon, ein Bild von Manchester, für viele in Deutschland eine eigentlich recht unbedeutende Stadt, als Aufmacher auf allen Nachrichtenkanälen zu sehen. Immerhin ist die Stadt meine hauptsächliche Fernweh-Projektionsfläche und ich habe ein halbes Jahr dort gelebt. Daher habe ich, nachdem ich gestern abend auf tagesschau.de kurz las, das gerade in Manchester randaliert wird, die halbe Nacht damit verbracht, mich im Internet über die Ereignisse auf dem Laufenden zu halten. Nachdem ich die Fakten in der Uni alle schon vor Jahren gelernt hatte, gab es nun auch endlich meine persönlichen Internet-Twitter-Kommunikation-OpenData-Bürgerjournalismus Aha-Momemte.

Zunächst einmal hat die Live-Berichterstattung auf Guardian.co.uk meine wichtigsten Neugierden sehr gut befriedigt. Hier ist das Skript der Nachrichten, die letzte Nacht verbreitet wurden. Sehr gut, um sich einen Überblick zu verschaffen, Quellen kommen aus verschiedensten Richtungen (Augenzeugen, Polizei, andere Nachrichtenseiten, Twitter) und werden immer genannt. Die einzelnen Texte sind kurz und prägnant, aber detailliert und enthalten keine Allgemeinplätze.

Außerdem haben die Redakteure eine Karte gebastelt, auf der alle gemeldeten und von der Polizei verifizierten Vorfälle eingezeichnet sind. Ich konnte mir also anschauen, wo genau die Zwischenfälle stattfanden. Anders all in London beschränkten sich die Ereignisse in Manchester in der letzten Nacht wirklich nur auf das Stadtzentrum – andere Wohngebiete waren nicht betroffen.

Die Guardian-Karte mit Fotos ist noch ein bißchen dürftig bestückt. Aber der Flickr-pool, den die Redakteure angelegt haben, ist riesig.

Fast noch beeindruckender als die überwältigend genaue Arbeit beim Guardian fand ich die Kommunikation der Greater Manchester Police. Unter dem Kürzel GMP wurde ich die ganze Nacht lang auf Twitter informiert, was die Polizei gerade tut. Es wurden Hinweise zu öffentlichen Verkehrsmittel gegeben und Kontaktmöglichkeiten genannt, unter denen man sich als Zeuge melden kann. Und vor allem hat die GMP versucht, auf die Fragen anderer Twitter-Nutzer zu antworten. Dazwischen als Würze Ansagen wie „Viele Verdächtige auf Überwachungskameras festgehalten. Wir werden euch identifizieren und wir werden euch kriegen.“ Wem’s noch nicht spannend genug war, das machte die Sache richtig aufregend.

Vielleicht kann man auf die „Na wartet“-Sprüche verzichten. Das ist britischer Sarkasmus, der funktioniert in Deutschland einfach nicht. Ansonsten kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass die Berliner Polizei so kommunizieren würde, zum Beispiel am 01.Mai. Falls es jemand anders weiß, lasse ich mich jedoch gerne eines Besseren belehren.

Meine dritter Info-Punkt war die Facebook-Seite Manchester riot – updates 2011. Leider hab ich noch nicht herausfinden können, wer dahinter steckt. Aber als Sammelstelle für youtube-Videos von Zeugen war die Seite letzte Nacht bestens geeignet.

Nichtsdestotrotz hoffe ich natürlich, dass heute Nacht alles ruhig bleibt – in Manchester und anderswo. Über Gründe für die Aufstände brauche ich hier nicht lang und breit zu schwadronieren, statt dessen zwei Links: einen deutschen, von tagesschau.de: Da hilft nur eine ganz andere Politik; und einen englischen, vom Guardian: The psychology of looting. Beide treffen des Pudels Kern meiner Meinung nach recht gut – der englische lohnt sich wirklich. Mein persönliches Gefühl war immer, dass uns England in Sachen politischer und sozialer Probleme um Längen voraus ist. Wer über deutsche Politik gemeckert hat, dem habe ich oft gesagt: In England ist es noch viel krasser. Darin fühle ich mich jetzt leider bestätigt. Vor allem hoffe ich daher, das England seine Probleme in den Griff bekommt. Das wird ein langer Weg sein, aber jetzt gibt es keinen Grund mehr, nicht den ersten Schritt zu machen.

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Veröffentlicht am 10. August. 2011 in Nicht kategorisiert und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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