Archiv für den Monat November 2011

Wie man sein Facebook-Konto löscht

Ja, die Überschrift bringt sicher Seitenaufrufe ohne Ende. Aber es ist wahr. Gestern habe ich meinen Facebook-Account gelöscht. Eine Woche vor der Löschung habe ich eine Nachricht auf meiner Pinnwand gepostet, in der ich meine Freunde bat, mir ihre E-Mail-Adressen zukommen zu lassen oder mich nach meiner zu fragen, falls sie mit mir in Kontakt bleiben möchten. Ich war vorher ziemlich skeptisch was diese Vorgehensweise angeht. Immerhin ist ja bekannt, das Facebook aussortiert, wessen Posts man auf der eigenen Pinnwand sieht, und so hatte ich den Verdacht, vielleicht nicht alle erreichen zu können. Aber das Feedback war wirklich toll. Ich habe ein paar sehr nette Nachrichten bekommen und ein paar Handynummern wurden durchgegeben – die meisten hatte ich ja schon, aber manchmal ist es ganz gut auf Nummer sicher zu gehen. Ich würde sagen, von den etwa 130 Freunden, die ich auf Facebook hatte, haben sich etwa 5 extra gemeldet. Das klingt erstmal sehr wenig, ist aber recht gut, wenn man bedenkt dass die meisten meiner Freunde auch in Berlin wohnen und wir uns regelmäßig sehen, bzw. gemeinsame Bekannte haben, die wir regelmäßig sehen. Ich habe mich über jede dieser Nachrichten sehr gefreut. Drei Leute habe ich vorher explizit angeschrieben und darauf hingewiesen, dass ich mich abmelden werde und wir unsere E-Mail-Adressen sicherheitshalber nochmal überprüfen müssen. Alle drei waren extrem wichtige Fälle für mich, es handelt sich um Leute, die ich in meiner Zeit in Manchester kennen gelernt habe und die alle mehr oder weniger weit weg im Ausland wohnen. So weit weg, dass ich nicht weiß wann und wo mal eine Gelegenheit herkommen soll, sich wiederzusehen.

Um die Gründe darzulegen, warum ich mich von Facebook verabschiedet habe, müsste ich, wenn ich ausführlich antworten soll, auch in Manchester anfangen. Außerdem wirds so ne kleine runde Geschichte von der man sich unterhalten lassen kann. Für alle, die keine Lust aufs Lesen haben, die Kurzbegründung lautet: Der Nutzen von Facebook stand in keinem Verhältnis mehr zur investierten Zeit. Ich will nicht sagen, dass er gegen Null tendierte, aber er war schon letztendlich sehr gering. Natürlich könnte man mir vorwerfen, ich hätte dann ja einfach weniger Zeit in Facebook investieren können. Dies hätte aber meiner Meinung nach nur dazu geführt, dass der Nutzen noch geringer wird. Denn wer auf Facebook nicht schreibt, kommentiert, interagiert, der bekommt auch nichts zurück und die Activity-Leiste bleibt leer. Ganz im Sinne einer Selbstverstärkung hätte das also dazu geführt, dass ich Facebook irgendwann auch nicht mehr genutzt hätte. Warum also den Patient lange quälen und weiter Zeit verschwenden? Ich habe mir lieber den Gnadenschuß gegeben.

Zurück zu Manchester. Die Geschichte beginnt in der Kategorie „Oma und Opa erzählen von vor dem Krieg“. Denn damals…damals, als ich mich bei Facebook angemeldet habe, brauchte man noch eine gültige E-Mail-Adresse einer englischen Universität, um überhaupt Mitglied werden zu dürfen. Facebook war damals den Studenten vorbehalten, und zwar sogar meines Wissens nach nur den us-amerikanischen und britischen. Die hatten nämlich schon alle ihr Facebook-Konto, wären die europäischen Austauschstudenten sich alle erst anmelden mussten. Was noch eine ganze Woche nach Ankunft in Manchester dauerte, denn erst dann bekamen wir eben besagte E-Mail-Adresse @student.manchester.ac.uk. Bis dahin war ich laut Aussage einer meiner Mitbewohnerinnen „socially dead“, denn das war man eben als Student in England ohne Facebook. Fast fünf Jahre ist das jetzt her. In Manchester habe ich Facebook tatsächlich rege genutzt, um mich mit anderen Leuten zu vernetzen. Die Schattenseiten wurden auch ziemlich schnell deutlich – anhand der schlechten Beispiele anderer. Unvergesslich, wie ich einmal einer Studentin aus dem Nachbarhaus auf offener Straße begegnete, nachdem ich eine Woche lang jeden Tag neue Bilder im Activity Feed sah, deren Aussage immer die gleiche war „…wurde getaggt in einem Bild von der und der Party“. Wir schauten uns an und schmunzelten, wussten wir doch beide, das sie gerade von einer sehr langen, wilden Partytour zurückkam – ohne das sie mir das erzählt hätte.

Zurück in Berlin überlegte ich kurz, ob ich mein Konto wieder löschen sollte. Mit meinen deutschen Freunden hatte ich ja keine Möglichkeit, darüber zu kommunizieren. Dafür gab es myspace. Ich habe mich dann entschieden, dass Konto zu behalten, um mit meinen Freunden, die ich in Manchester kennengelernt habe, in Kontakt zu bleiben. Und musste in den kommenden Jahren erstaunt feststellen, wie immer mehr meiner Bekannten sich dort anmeldeten und mich in Freundeszahlen und Aktivitäten weit überholten. Der zeitliche Vorsprung hat mir nichts genützt – obwohl ich auch nicht vorhatte, auf Facebook Freunde zu „sammeln“.

Irgendwann wurde myspace unbenutzbar. Zugeknallt mit eingebetteten Videos und Flashplayern stürzten Bandprofile reihenweise ab und Musikhören wurde nahezu unmöglich. Dann waren auf einmal alle auf Facebook. Der schlußendliche Auslöser, meinen myspace-account zu löschen war dann, als ich irgendwann feststellte, das alle alten Nachrichten – auch die, die ich extra gespeichert hatte – nicht mehr abrufbar waren. Vermisst habe ich myspace nicht. Und nun also Facebook. Warum tendierte der Nutzen gegen Null? Erstmal hat mich das „neue“ Facebook extrem gestört. Statt alle Neuigkeiten im Activity-Feed zu sehen, auswählbar nach „Top News“ und chronologischer Erscheinungsweise, waren die chronologischen Meldungen auf einmal in ein Mini-Fenster auf die rechte Seite verbannt, und in der Mitte erschienen immer wieder die selben zehn Nasen. Ich hatte niemals die Lust dazu, einzeln Freunde auszuwählen und deren News-Feed zu abonnieren. Extreme Zeitverschwendung. Ich denke, vielen meiner Freunde ging es ähnlich, denn die Kommentare und Likes auf meine Post wurden immer weniger. Sehr viel weniger. Dann habe ich zweimal versucht, eine Party über Facebook zu organisieren und bin grandios gescheitert. Gut, einmal lags am Wetter, aber demotiviert war ich trotzdem. Hinzu die vielen, vielen Nachrichten über rechtliche und Datenschutzfragen. Ich mochte meine tollen Urlaubsbilder einfach nicht dort hochladen. Ich mochte irgendwann auch keine persönlichen Nachrichten mehr über Facebook schreiben. Ich bin mir bewusst, das Facebook teilweise zum Sündenbock gemacht wird und mein Google-Mail Konto auch nicht besser ist. Aber da ist der Nutzen für mich größer. Wenn ich eine E-Mail schreibe, kommt auch was zurück.

Der Punkt ist: Facebook hält die Illusion aufrecht, dass du mit Menschen in Kontakt bist, aber das bist du nicht. Du könntest deine vielen Freunde, von denen du lange nichts gehört hast, anschreiben, um zu hören wie es ihnen geht, aber du kommuniziert immer nur mit den selben Leuten. Denen, zu denen du eh Kontakt hast. Du tust es nicht, weil du es ja jederzeit könntest. Die Möglichkeit lähmt deine Handlung. Ich schreibe „du“ statt „ich“, weil es nicht nur mir so geht. Deshalb habe ich mich entschieden, Facebook lebewohl zu sagen. Wer mich drankriegen will, an den PC, ans Telefon oder an Skype, der kriegt mich. Wen ich treffen will, bei dem meld ich mich. Und wen ich zufällig auf der Straße treffe, über den freu ich mich und halt ein kleines Pläuschen. Der Rest ist geschenkt. Vielleicht versuch ichs irgendwann nochmal mit social networking. Wenn diaspora endlich ans Netz geht.

Das Facebook-Konto löschen geht übrigens ganz einfach. Einfach in der Hilfe-Suche „Facebook löschen“ eingeben und dem Link folgen. Und ein letztes noch: Ja, ich weiß, dass die meine Daten noch haben. Ich wollte nicht warten, ob es in tausend Jahren mal möglich sein wird, die zum Löschen zu verpflichten.