Flow – Häkeln für den Weltfrieden

Die deutsche Erstausgabe der flow

Die deutsche Erstausgabe der flow

 

Jetzt liegt sie schon fast zwei Wochen hier, die flow, und spricht mich überhaupt nicht an. Dabei habe ich doch fest versprochen, sie zu lesen, zu bewerten und dann darüber zu schreiben…

Also dann, Musik an, Augen auf und durch.

Die flow ist eine neue Zeitschrift für Frauen zwischen 20 und 40. Würde ich mal so annehmen, wenn ich durch das Heftchen blättere. Es soll um Selbstverwirklichung gehen, um schönes Leben, um Bewusstsein für sich selbst. Das Cover verspricht „Inspiration – Ideen – Einblicke – Anstösse“. Die Zeitschrift ist aber doch nur eine Mischung aus Häkelanregungen, Chefredakteurinnen-Kolumne und Geschenkpapier-Beilage geworden. (Hallo, Lisa!)

Dabei versucht die flow alleine schon durch die Aufmachung, sich als „Anders“ zu präsentieren und von den Kokurrenzprodukten abzusetzen. Das fängt bereits beim Cover an – ein verträumtes Bildchen von pink-grünen Vögeln statt Frontalaufnahme einer grinsenden Dame, wie auf 99% aller Zeitschriften. Das ist sicher eine Möglichkeit, im Zeitschriftenregal aufzufallen. Das geht okay für mich. Bemerkenswert finde ich auch, dass auf dem Cover nur recht klein steht, was im Heft drin ist. Die Themen sind auf ein Stück Papier in Form eines Koffer-Anhängers gedruckt, der unten rechts in der Griffecke klebt. Kleine Fotos, schmaler Text. Folgende Themen werden angekündigt:

Darum gehts in dieser flow

Darum gehts in dieser flow

Ähm ja, ich denke da könnte man eigentlich alle drei Themen mit „Zeitgeist“ überschreiben. Und das ist letztendlich auch der Grund, warum mir das Heft nicht gefällt – es ist ein Zeitgeist-Magazin. Larifari, langweilig, mal hier mal da, Konsensvorschläge, filterbubble ad absurdum. Weiße reiche Frauen, verheiratet mit Kindern, künstlerisch-kreativ. Das ist die wahre Zielgruppe! Das spricht mich überhaupt nicht an. Aber es hilft nichts, ich blättere rein:

Seite 3: Unscharfes Foto von Pusteblumen mit instagramm-Filter und Feld „Diese Flow gehört:…“ Süß, wie damals mit 11 beim Poesiealbum. Man könnte auch sagen infantil.

Auf Seite 5 wirft das Redaktionsteam seine Fängen aus. Astrid, Irene und Sinja stellen sich vor. Noch mehr instagrammte-Bilder, weichgezeichnet und leicht überbelichtet. Klare Ansagen auch, was flow will: „Eine Zeitschrift mit jeder Menge Erkenntnissen und Anregungen, die uns nicht belehrt und kein schlechtes Gewissen macht.“

Okay, da kann ich vom Anspruch her mitgehen. Noch eine Zeitschrift, die Frauen einredet was sie für ihre Schönheit, beruflichen Erfolg, den perfekten Mann und wohlerzogene Gören tun müssten, braucht es wirklich nicht.

Kommen wir nun zu den vier Rubriken des Magazins. Ein bißchen peinlich finde ich schon, dass hier krampfhaft bilingualisiert wird. Aber naja, vielleicht haben die Niederländer (dort wurde die Zeitschrift zuerst herausgebracht) ja ein entspannteres Verhältnis zum Englischen, ähnlich den nordischen Ländern? Für den Deutschen Markt wollte man wohl hip sein aber trotzdem auf Nummer sicher gehen, weswegen dann sowas bei rauskommt: „Feel connected – Ein Blick auf die Welt und die Menschen um uns“, „Live mindfully – Leben im Hier und Jetzt“; „Spoil yourself – Zeit für eine kleine Verwöhnpause“ und, und das finde ich fast schon wieder witzig, „Simplify your Life – Es muss gar nicht so kompliziert sein“. Das kennt doch jede Frau zwischen 25-60: „Frauen, die dieses Buch gekauft haben, lesen auch…“.

Dann kommt auch endlich der Leitartikel, in dem darüber philosophiert wird, das Zeit wichtiger als Geld sei, und man Glück nicht kaufen könne: „Warum wünsche ich mir von meinem Sohn nicht zum Geburtstag, eine Nacht mit ihm im Zelt zu schlafen? Wäre das nicht ein wirksameres Mittel gegen meine nagende Unzufriedenheit als die nächste neue Sonnenbrille oder die Antihaftschicht-Pfanne?“

Sohnemann freut sich bestimmt, wenn er als Anti-Unzufriedenheits-Mittel zum Zelten gezwungen wird, weil sich Mama Anti-Antihaftbeschicht-Pfannen-technisch selbst verwirklichen will.

Bloss gut, dass nach dem Artikel, übrigens gespickt mit verschwommenen, leicht überzeichneten, irgendwie instagrammigen, Bildern mit Polaroid-Rahmen, erstmal Konsumvorschläge kommen. Bestimmt macht ein „DIY-Stickset“ für 25,50 Euro auch happy, oder Whiteboard-Wandlasur für 170 Euro für 4,5 qm.

Auf der nächsten Seite übrigens, ganz neckisch, die tollsten Apps, um seinen Handy-Fotos „den WOW-Faktor“ zu verleihen. Da würd ich drauf vertrauen, dass die Redaktion da die richtigen ausgewählt hat, ich habs im Gefühl, das haben die ausführlich getestet…

Als nächstes werden drei „Künstlerinnen“ vorgestellt, die irgendwas machen, Blumen zeichnen, einen Film drehen, schöne verschwommene, farblich übersättigte Fotos von dem Gummistiefeln ihrer Kinder mit einem Polaroid-Rahmen versehen, wer mag da nicht an instagram denken?

Dann kommt der Beziehungsratgeber, und ich bin sooo froh dass es einen gibt. Was wäre eine Frauenzeitschrift ohne Beziehungsratschläge. Thema dieser Ausgabe: Statt sich zu trennen, könnte man ja einfach mal versuchen, zusammenzubleiben. Ich gehe sogar mit manchem konform, was da drinsteht: Nicht glauben, dass man den Anderen in und auswendig kennt, unabhängig bleiben. Allein, es wird euch nicht retten. Kein dreiseitiger Zeitschriftenartikel kann das.

Ich überspringe jetzt mal die Frau, die nach dem Burnout sich selbst wiederfand, indem sie aus Pappe und Wolle und anderem Zeugs eine Miniatur-Mäusehaus gebaut hat. Auch den Häkelartikel will ich am liebsten ganz schnell überspringen, aber ich bin schon mittendrin und Feuer und Flamme. Häkeln, dieser Inbegriff der modernen Spießigkeit. Kinderdecken, Puppen, Mützen, Tischdeckchen. Alles mit knallbunter Wolle, damits modern wirkt. Häkeln ist die zeitgenössische Version des Biedermeier, der Rückzug ins Private und das Vonsichweisen aller Verantwortung: „Wenn man mich fragt, wie man den Weltfrieden hinbekommen kann, dann sage ich: Alle schalten den Fernseher ab und häkeln.“ WTF? Seriously? Das muss wohl ungefähr der Weltansicht meiner häkelnden Groß-Groß-Groß-Großtante von Anno 1870 entsprechen. Meine Vorstellung wird bestätigt: „Ich denke, dass Häkeln im Moment so populär ist, weil wir uns alle ein bisschen nach vergangenen Zeiten sehen, als das Leben langsamer und bodenständiger war. (…) Kriege können wir in den Nachrichten aus der Nähe verfolgen. Das belastet. Wir wollen uns ein Stück einer anderen Zeit zurückerobern, zurück zu den süßen Erinnerungen an Omas selbst gebackene Plätzchen, handgemachte Decken, bestickte Laken…“ Buhu, ich will den blöden bösen Krieg nicht sehen, ich mach die Augen zu, Oma, wo bleibt mein Keks, damits mir wieder gut geht.

Ich habe null Respekt vor jemanden, der so denkt und sowas öffentlich äußert. Das kommt von einer Frau, die mit Mann und Kindern in einem Bauernhof in der Schweiz arbeitet und sich mit Haushalt und designern selbst verwirklichen darf. Was zum Teufel ist denn an ihrem Leben so furchtbar, dass Sie so eine Flucht in die Klischee-Vergangenheit beschreiben muss?

Zum Glück sind nicht alle häkelnden Frauen so. Eine andere, die vorgestellt wird, macht Gott Sei Dank, „wunderschöne Instagramm-Fotos“ von ihren gehäkelten Ergüssen.

Es folgt die nächste Rubrik, „Live mindfully“ und es geht wieder mit Konsumvorschlägen los. Anscheinend konsistenter Aufbau der einzelnen Teile. Was gibt’s: Bücher, Armreifen mexikanischer Kunsthandwerker, die von britischen Frauen mit Hinweis auf Fair Trade verkauft werden, ein Buch übers Sticken(!). Jetzt reichts bald!

Es folgt ein weiterer Leitartikel, angekündigt mit dem schönen Wort „Betrachtung“: Statt alles immer sofort auf Facebook und twitter zu posten, sollten wir schöne Momente einfach genießen. Okay, bin ich mit einverstanden. Illustriert ist der Artikel übrigens mit tollen instagrammigen Fotos von Schäfchenwolken.

Dann kommen die Gimmicks zum Rausnehmen, Geschenkpapierbögen und „Von Trulla für Uschi“-Aufkleber. Inwiefern sich die flow jetzt von anderen Zeitschriften wie Laura, Lisa und Co. uinterscheidet, ist mir unklar, außer dass die Aufkleber hier verschämt im Heft versteckt werden statt außen dran zu pappen – wahrscheinlich um die Assoziation zu diesen 60-Cent-Heftchen zu vermeiden.

Aber hey, es bedeutet das ich schon zur Hälfte durchs Heft durch bin. Uff, dann mal schnell weiter.

Nächster Artikel, von mir aus thematisch in Ordnung. Multitasking im Straßenverkehr kann zu Unfällen führen. Also am Steuer nicht telefonieren, sms schreiben, generell nicht aufs Handy gucken. Erzählt von einem Forscher, der die Leistungsfähigkeit der Leute getestet hat. Wissenschaft, abgehakt.

Danach stellt eine Buchhändlerin ihre fünf Lieblingsbücher vor. Geht auch okay für mich. Wenn man über Lektüre spricht, kommt man wenigstens selten dazu, Schwachsinn über den Zusammenhang von Weltfrieden und Häkeln zu spinnen.

Nächstes Thema: Die böse moderne Kommunikationstechnik macht uns unser Leben und unsere Beziehungen kaputt. Anstatt alles sofort zu wollen sollen wir uns in Geduld üben. Ich überfliege ihn nur noch, diesen pseudo-spirituellen Text mit Extra-Seite Denkanregungen zum Ausfüllen „…finde ich das irgendwie ………. Weil ……….“

Dann was zur Stressreduktion. Muss ich erwähnen, dass der Text mit farblich übersättigten Fotos von leicht verschwommenen Blumenblüten illustriert ist, bei denen ich irgendwie an instagram denken muss…

„Es ist als ob man eine Brille findet, durch die man besser sehen kann.“ Sinnsprüche zum Niederhäkeln…

Was gibt’s noch zu kaufen? Handgefertigte Schlafbrillen, Seidentücher, Pfifferlingspaté per Online Shop. Hach ist das alles belastend, ich häkel lieber noch ein bißchen zur Entspannung und wünsche mich zurück nach 1930, als es noch kein Fernsehen gab, in dem böse Kriege liefen und man die Frauen nicht von der Handarbeit erst noch per Zeitschrift überzeugen musste.

Umgeblättert und Schock! Noch mehr Kaufanregungen. Seitenweise. Unverhohlen. Mit Shop-URLs und Preisen. Papierkrams, Taschen, Party-Outfits, Beauty-Produkte. Da kommt die flow aber ganz schön Frauenzeitschriftenmäßig rüber auf den letzten Seiten. Wo doch kaufen gar nicht glücklich macht. Man den Dauer-Online-Stress meiden sollte. Selbstgemachtes zählt. Die Zeltübernachtung mit Sohnemann! Aber nicht ohne Mamas Faltencreme im Etsy-Kosmetikbeutel.

Dann wird zur Abwechslung mal wieder irgendeine Künstlerin vorgestellt, die in ihrem Atelier irgendwelche Postkartenillustrationen abmalt.

Dann noch ein Gimmick – romantisch bedrucktes Schreibpapier. Natürlich mit Rosa und Vögelchen. Aber ohne Instagramm-Look. Schade.

Weiter geht’s mit pseudo-philosophischen Denkanregungen: Würdest du zu einer guten Freundin so harsch sein wie zu dir selbst, wenn sie einen schweren Tag hinter sich hätte?

(Nur mal nebenbei, warum steht die Möglichkeit „ein guter Freund“ gar nicht zur Debatte? Kann man als Frau nicht von sich auf einen Mann schließen? Kann man es als flow-Leserin nicht? Ob das was mit dem Häkeln zu tun hat?)

Ich hab keine Lust mehr. Es kommen noch Backrezepte für knallbunte Süßigkeiten (knallbunt, damits nicht zu altbacken wirkt? Siehe modernes Häkeln), noch mehr Kauftipps, ein Artikel mit dem Titel „Das Glück des Einfachen“… Ihr könnt es euch vorstellen. Ich frage mich, ob das nicht die ersten vier Ausgaben der niederländischen Flow einfach zusammengepackt sind. Das Ganze wirkt so durcheinander gewürfelt. Hier Lebenshilfe, und da und da und da. Hier Künstlerinnenportrait und dort und dort dort…Das wirkt so belanglos. Und dann diese belanglosen Bilder. Erwähnte ich Instagram? Immer wieder wird sich auf Blogs bezogen. Aber warum kann man dann nicht gleich die Blogs lesen? Häkelblogs, Buchblogs, DIY-Blogs, DIY-Blogs in denen Künstlerinnen Mittte 40 auf dem Wege der Selbstverwirklichung vorgestellt werden, DIY-Blogs in denen glückliche Designer-Pärchen ihre schicke Eigentumsloftwohnung vorstellen.. Das ist ja auch eigentlich alles schon ein alter Hut. Der DIY-Blog-Stil, instagram-Bilder von bunten Keksen – das hats jetzt schon ins Holzmedium geschafft. Und ist dabei auch so völlig unkonkret. Auf 138 Seiten eine (!) Seite wo eine Anleitung gebracht wird, wie man selbst einen Stempel baut. Das wars. Das ist auch das einzig Gute am Häkelartikel: Es war keine Häkelanleitung darin!

Das die Zeitschrift unpolitisch ist, hatte ich schon dargelegt, und wie sauer es mich macht. Ich muss wieder auf den Häkelartikel zurück kommen, denn er ist so exemplarisch: Frauen, denen es nach objektiven Maßstäben total gut geht, philosophieren darüber dass sie alles haben aber unglücklich sind, und die Lösung ist dann, nicht mehr soviel zu kaufen (außer dieses total süüüße Hasenpuppe, die von einer Künstlerin selbstgemacht und in Eigenregie verkauft wird, die früher Bankerin war und sich jetzt mit ihrem Bastelladen selbstverwirklicht hat) und sich selbst zu behandeln wie eine gute Freundin. Haha, merkt ihr wie ich euch die Worte im Mund rumdrehe, ihr flow-Redakteurinnen, und euren Denkanstößen damit eine ganz andere Bedeutung gebe?

Ich muss jetzt aufhören. Ich habe gar keine Pointe mehr fürs Ende.

Ich gehe jetzt zu Buzzfeed. In zwei Jahren gibt’s das sicher auch als Zeitschrift. 50 irre Häkeldeckchen, die deinen Glauben an die Menschheit wieder herstellen werden. Ich bin bereit!

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Veröffentlicht am 8. Dezember. 2013 in Nicht kategorisiert und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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