Archiv der Kategorie: Nicht kategorisiert

Spam-Mail des Tages

Aus der Spam-Mail des Tages:

Hallo!

Auf meinem Schreibtisch liegt gerade eine mächtige Waffe zur Verführung von Frauen.

Es ist ein besonderes digitales Handbuch, das ich ausgedruckt habe.

 

ausgedruckt… Muharharhar!

Neues Blog-Design

So ungefähr sah's vorher aus

So ungefähr sah’s vorher aus

Vor ein paar Tagen habe ich meinen Blog in ein neues Theme gehüllt. Ich fand, es war mal wieder Zeit für Veränderung. Das alte Theme hatte mir eigentlich auch sehr gut gefallen, aber ich fand es unpraktisch, dass man auf der Startseite nicht ganze Beiträge anzeigen konnte. Wenn ich auf einen mir unbekannten Blog komme und abchecken will, ob er mich interessiert und in meine Leseliste kommt, will ich ja nicht jeden einzelnen Beitrag anklicken müssen, um ihn zu lesen. Nein, ich will auf die Seite gehen, und dann sofort hintereinander weg lesen, von meditativen Scroll-Bewegungen begleitet. Sonst nix. Im besten Fall ist man von der Schreibe so gefangen, dass man gar nicht merkt, dass man plötzlich am Ende der Seite landet. Im allerbesten Fall gibt es infinite scrolling. Hier leider nicht. Aber man kann jetzt durchlesen.

Kurz habe ich überlegt, mir so einem fefe-gedächtnis-theme zuzulegen. Aber wie peinlich wäre das denn…Ich greife auf von jemand Anderem gebastelten, komplizierten Code zurück, weil ich selbst keine Ahnung habe, um damit das Aussehen des wahrscheinlich minimalistisch-programmiertesten Blogs ever zu kopieren. Ich wollte honorieren schreiben, aber so kann mans ja wirklich nicht nennen. Stattdessen hab ich mir gedacht: Schuster bleib bei deinen Leisten. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

 

Bügelbilderberg

Bügelberg - Kein Symbolfoto

Bügelberg – Kein Symbolfoto

Kennt ihr die Bilderberg-Verschwörung? Angeblich treffen sich einmal im Jahr die „Entscheider“ der westlichen Länder an einem geheimen Ort und beraten den weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte.

Könnt ihr vergessen. Viel schlimmer ist die Bügelberg-Verschwörung. (Mehr als) einmal im Jahr sammelt sich die gesamte Bügelwäsche meines Haushalt auf einem nicht-zu-übersehenden Haufen und fordert den geordneten Antritt in die Schränke.

Soll ja Leute geben, die bügeln nicht. Das finde ich die falsche Einstellung. So wird man nie aufs Bilderberg-Treffen eingeladen. Und aufs Bügelbilderberg-Treffen schon gar nicht!

Übrigens: Wenn man bei google nach Bildern von „Bügelwäsche“ sucht, die unter Creative Commons Lizenz stehen, kriegt man fast nur Fotos von Schimmel. Da bastel ich mir auch gleich noch ne Verschwörungstheorie draus…

Flow – Häkeln für den Weltfrieden

Die deutsche Erstausgabe der flow

Die deutsche Erstausgabe der flow

 

Jetzt liegt sie schon fast zwei Wochen hier, die flow, und spricht mich überhaupt nicht an. Dabei habe ich doch fest versprochen, sie zu lesen, zu bewerten und dann darüber zu schreiben…

Also dann, Musik an, Augen auf und durch.

Die flow ist eine neue Zeitschrift für Frauen zwischen 20 und 40. Würde ich mal so annehmen, wenn ich durch das Heftchen blättere. Es soll um Selbstverwirklichung gehen, um schönes Leben, um Bewusstsein für sich selbst. Das Cover verspricht „Inspiration – Ideen – Einblicke – Anstösse“. Die Zeitschrift ist aber doch nur eine Mischung aus Häkelanregungen, Chefredakteurinnen-Kolumne und Geschenkpapier-Beilage geworden. (Hallo, Lisa!)

Dabei versucht die flow alleine schon durch die Aufmachung, sich als „Anders“ zu präsentieren und von den Kokurrenzprodukten abzusetzen. Das fängt bereits beim Cover an – ein verträumtes Bildchen von pink-grünen Vögeln statt Frontalaufnahme einer grinsenden Dame, wie auf 99% aller Zeitschriften. Das ist sicher eine Möglichkeit, im Zeitschriftenregal aufzufallen. Das geht okay für mich. Bemerkenswert finde ich auch, dass auf dem Cover nur recht klein steht, was im Heft drin ist. Die Themen sind auf ein Stück Papier in Form eines Koffer-Anhängers gedruckt, der unten rechts in der Griffecke klebt. Kleine Fotos, schmaler Text. Folgende Themen werden angekündigt:

Darum gehts in dieser flow

Darum gehts in dieser flow

Ähm ja, ich denke da könnte man eigentlich alle drei Themen mit „Zeitgeist“ überschreiben. Und das ist letztendlich auch der Grund, warum mir das Heft nicht gefällt – es ist ein Zeitgeist-Magazin. Larifari, langweilig, mal hier mal da, Konsensvorschläge, filterbubble ad absurdum. Weiße reiche Frauen, verheiratet mit Kindern, künstlerisch-kreativ. Das ist die wahre Zielgruppe! Das spricht mich überhaupt nicht an. Aber es hilft nichts, ich blättere rein:

Seite 3: Unscharfes Foto von Pusteblumen mit instagramm-Filter und Feld „Diese Flow gehört:…“ Süß, wie damals mit 11 beim Poesiealbum. Man könnte auch sagen infantil.

Auf Seite 5 wirft das Redaktionsteam seine Fängen aus. Astrid, Irene und Sinja stellen sich vor. Noch mehr instagrammte-Bilder, weichgezeichnet und leicht überbelichtet. Klare Ansagen auch, was flow will: „Eine Zeitschrift mit jeder Menge Erkenntnissen und Anregungen, die uns nicht belehrt und kein schlechtes Gewissen macht.“

Okay, da kann ich vom Anspruch her mitgehen. Noch eine Zeitschrift, die Frauen einredet was sie für ihre Schönheit, beruflichen Erfolg, den perfekten Mann und wohlerzogene Gören tun müssten, braucht es wirklich nicht.

Kommen wir nun zu den vier Rubriken des Magazins. Ein bißchen peinlich finde ich schon, dass hier krampfhaft bilingualisiert wird. Aber naja, vielleicht haben die Niederländer (dort wurde die Zeitschrift zuerst herausgebracht) ja ein entspannteres Verhältnis zum Englischen, ähnlich den nordischen Ländern? Für den Deutschen Markt wollte man wohl hip sein aber trotzdem auf Nummer sicher gehen, weswegen dann sowas bei rauskommt: „Feel connected – Ein Blick auf die Welt und die Menschen um uns“, „Live mindfully – Leben im Hier und Jetzt“; „Spoil yourself – Zeit für eine kleine Verwöhnpause“ und, und das finde ich fast schon wieder witzig, „Simplify your Life – Es muss gar nicht so kompliziert sein“. Das kennt doch jede Frau zwischen 25-60: „Frauen, die dieses Buch gekauft haben, lesen auch…“.

Dann kommt auch endlich der Leitartikel, in dem darüber philosophiert wird, das Zeit wichtiger als Geld sei, und man Glück nicht kaufen könne: „Warum wünsche ich mir von meinem Sohn nicht zum Geburtstag, eine Nacht mit ihm im Zelt zu schlafen? Wäre das nicht ein wirksameres Mittel gegen meine nagende Unzufriedenheit als die nächste neue Sonnenbrille oder die Antihaftschicht-Pfanne?“

Sohnemann freut sich bestimmt, wenn er als Anti-Unzufriedenheits-Mittel zum Zelten gezwungen wird, weil sich Mama Anti-Antihaftbeschicht-Pfannen-technisch selbst verwirklichen will.

Bloss gut, dass nach dem Artikel, übrigens gespickt mit verschwommenen, leicht überzeichneten, irgendwie instagrammigen, Bildern mit Polaroid-Rahmen, erstmal Konsumvorschläge kommen. Bestimmt macht ein „DIY-Stickset“ für 25,50 Euro auch happy, oder Whiteboard-Wandlasur für 170 Euro für 4,5 qm.

Auf der nächsten Seite übrigens, ganz neckisch, die tollsten Apps, um seinen Handy-Fotos „den WOW-Faktor“ zu verleihen. Da würd ich drauf vertrauen, dass die Redaktion da die richtigen ausgewählt hat, ich habs im Gefühl, das haben die ausführlich getestet…

Als nächstes werden drei „Künstlerinnen“ vorgestellt, die irgendwas machen, Blumen zeichnen, einen Film drehen, schöne verschwommene, farblich übersättigte Fotos von dem Gummistiefeln ihrer Kinder mit einem Polaroid-Rahmen versehen, wer mag da nicht an instagram denken?

Dann kommt der Beziehungsratgeber, und ich bin sooo froh dass es einen gibt. Was wäre eine Frauenzeitschrift ohne Beziehungsratschläge. Thema dieser Ausgabe: Statt sich zu trennen, könnte man ja einfach mal versuchen, zusammenzubleiben. Ich gehe sogar mit manchem konform, was da drinsteht: Nicht glauben, dass man den Anderen in und auswendig kennt, unabhängig bleiben. Allein, es wird euch nicht retten. Kein dreiseitiger Zeitschriftenartikel kann das.

Ich überspringe jetzt mal die Frau, die nach dem Burnout sich selbst wiederfand, indem sie aus Pappe und Wolle und anderem Zeugs eine Miniatur-Mäusehaus gebaut hat. Auch den Häkelartikel will ich am liebsten ganz schnell überspringen, aber ich bin schon mittendrin und Feuer und Flamme. Häkeln, dieser Inbegriff der modernen Spießigkeit. Kinderdecken, Puppen, Mützen, Tischdeckchen. Alles mit knallbunter Wolle, damits modern wirkt. Häkeln ist die zeitgenössische Version des Biedermeier, der Rückzug ins Private und das Vonsichweisen aller Verantwortung: „Wenn man mich fragt, wie man den Weltfrieden hinbekommen kann, dann sage ich: Alle schalten den Fernseher ab und häkeln.“ WTF? Seriously? Das muss wohl ungefähr der Weltansicht meiner häkelnden Groß-Groß-Groß-Großtante von Anno 1870 entsprechen. Meine Vorstellung wird bestätigt: „Ich denke, dass Häkeln im Moment so populär ist, weil wir uns alle ein bisschen nach vergangenen Zeiten sehen, als das Leben langsamer und bodenständiger war. (…) Kriege können wir in den Nachrichten aus der Nähe verfolgen. Das belastet. Wir wollen uns ein Stück einer anderen Zeit zurückerobern, zurück zu den süßen Erinnerungen an Omas selbst gebackene Plätzchen, handgemachte Decken, bestickte Laken…“ Buhu, ich will den blöden bösen Krieg nicht sehen, ich mach die Augen zu, Oma, wo bleibt mein Keks, damits mir wieder gut geht.

Ich habe null Respekt vor jemanden, der so denkt und sowas öffentlich äußert. Das kommt von einer Frau, die mit Mann und Kindern in einem Bauernhof in der Schweiz arbeitet und sich mit Haushalt und designern selbst verwirklichen darf. Was zum Teufel ist denn an ihrem Leben so furchtbar, dass Sie so eine Flucht in die Klischee-Vergangenheit beschreiben muss?

Zum Glück sind nicht alle häkelnden Frauen so. Eine andere, die vorgestellt wird, macht Gott Sei Dank, „wunderschöne Instagramm-Fotos“ von ihren gehäkelten Ergüssen.

Es folgt die nächste Rubrik, „Live mindfully“ und es geht wieder mit Konsumvorschlägen los. Anscheinend konsistenter Aufbau der einzelnen Teile. Was gibt’s: Bücher, Armreifen mexikanischer Kunsthandwerker, die von britischen Frauen mit Hinweis auf Fair Trade verkauft werden, ein Buch übers Sticken(!). Jetzt reichts bald!

Es folgt ein weiterer Leitartikel, angekündigt mit dem schönen Wort „Betrachtung“: Statt alles immer sofort auf Facebook und twitter zu posten, sollten wir schöne Momente einfach genießen. Okay, bin ich mit einverstanden. Illustriert ist der Artikel übrigens mit tollen instagrammigen Fotos von Schäfchenwolken.

Dann kommen die Gimmicks zum Rausnehmen, Geschenkpapierbögen und „Von Trulla für Uschi“-Aufkleber. Inwiefern sich die flow jetzt von anderen Zeitschriften wie Laura, Lisa und Co. uinterscheidet, ist mir unklar, außer dass die Aufkleber hier verschämt im Heft versteckt werden statt außen dran zu pappen – wahrscheinlich um die Assoziation zu diesen 60-Cent-Heftchen zu vermeiden.

Aber hey, es bedeutet das ich schon zur Hälfte durchs Heft durch bin. Uff, dann mal schnell weiter.

Nächster Artikel, von mir aus thematisch in Ordnung. Multitasking im Straßenverkehr kann zu Unfällen führen. Also am Steuer nicht telefonieren, sms schreiben, generell nicht aufs Handy gucken. Erzählt von einem Forscher, der die Leistungsfähigkeit der Leute getestet hat. Wissenschaft, abgehakt.

Danach stellt eine Buchhändlerin ihre fünf Lieblingsbücher vor. Geht auch okay für mich. Wenn man über Lektüre spricht, kommt man wenigstens selten dazu, Schwachsinn über den Zusammenhang von Weltfrieden und Häkeln zu spinnen.

Nächstes Thema: Die böse moderne Kommunikationstechnik macht uns unser Leben und unsere Beziehungen kaputt. Anstatt alles sofort zu wollen sollen wir uns in Geduld üben. Ich überfliege ihn nur noch, diesen pseudo-spirituellen Text mit Extra-Seite Denkanregungen zum Ausfüllen „…finde ich das irgendwie ………. Weil ……….“

Dann was zur Stressreduktion. Muss ich erwähnen, dass der Text mit farblich übersättigten Fotos von leicht verschwommenen Blumenblüten illustriert ist, bei denen ich irgendwie an instagram denken muss…

„Es ist als ob man eine Brille findet, durch die man besser sehen kann.“ Sinnsprüche zum Niederhäkeln…

Was gibt’s noch zu kaufen? Handgefertigte Schlafbrillen, Seidentücher, Pfifferlingspaté per Online Shop. Hach ist das alles belastend, ich häkel lieber noch ein bißchen zur Entspannung und wünsche mich zurück nach 1930, als es noch kein Fernsehen gab, in dem böse Kriege liefen und man die Frauen nicht von der Handarbeit erst noch per Zeitschrift überzeugen musste.

Umgeblättert und Schock! Noch mehr Kaufanregungen. Seitenweise. Unverhohlen. Mit Shop-URLs und Preisen. Papierkrams, Taschen, Party-Outfits, Beauty-Produkte. Da kommt die flow aber ganz schön Frauenzeitschriftenmäßig rüber auf den letzten Seiten. Wo doch kaufen gar nicht glücklich macht. Man den Dauer-Online-Stress meiden sollte. Selbstgemachtes zählt. Die Zeltübernachtung mit Sohnemann! Aber nicht ohne Mamas Faltencreme im Etsy-Kosmetikbeutel.

Dann wird zur Abwechslung mal wieder irgendeine Künstlerin vorgestellt, die in ihrem Atelier irgendwelche Postkartenillustrationen abmalt.

Dann noch ein Gimmick – romantisch bedrucktes Schreibpapier. Natürlich mit Rosa und Vögelchen. Aber ohne Instagramm-Look. Schade.

Weiter geht’s mit pseudo-philosophischen Denkanregungen: Würdest du zu einer guten Freundin so harsch sein wie zu dir selbst, wenn sie einen schweren Tag hinter sich hätte?

(Nur mal nebenbei, warum steht die Möglichkeit „ein guter Freund“ gar nicht zur Debatte? Kann man als Frau nicht von sich auf einen Mann schließen? Kann man es als flow-Leserin nicht? Ob das was mit dem Häkeln zu tun hat?)

Ich hab keine Lust mehr. Es kommen noch Backrezepte für knallbunte Süßigkeiten (knallbunt, damits nicht zu altbacken wirkt? Siehe modernes Häkeln), noch mehr Kauftipps, ein Artikel mit dem Titel „Das Glück des Einfachen“… Ihr könnt es euch vorstellen. Ich frage mich, ob das nicht die ersten vier Ausgaben der niederländischen Flow einfach zusammengepackt sind. Das Ganze wirkt so durcheinander gewürfelt. Hier Lebenshilfe, und da und da und da. Hier Künstlerinnenportrait und dort und dort dort…Das wirkt so belanglos. Und dann diese belanglosen Bilder. Erwähnte ich Instagram? Immer wieder wird sich auf Blogs bezogen. Aber warum kann man dann nicht gleich die Blogs lesen? Häkelblogs, Buchblogs, DIY-Blogs, DIY-Blogs in denen Künstlerinnen Mittte 40 auf dem Wege der Selbstverwirklichung vorgestellt werden, DIY-Blogs in denen glückliche Designer-Pärchen ihre schicke Eigentumsloftwohnung vorstellen.. Das ist ja auch eigentlich alles schon ein alter Hut. Der DIY-Blog-Stil, instagram-Bilder von bunten Keksen – das hats jetzt schon ins Holzmedium geschafft. Und ist dabei auch so völlig unkonkret. Auf 138 Seiten eine (!) Seite wo eine Anleitung gebracht wird, wie man selbst einen Stempel baut. Das wars. Das ist auch das einzig Gute am Häkelartikel: Es war keine Häkelanleitung darin!

Das die Zeitschrift unpolitisch ist, hatte ich schon dargelegt, und wie sauer es mich macht. Ich muss wieder auf den Häkelartikel zurück kommen, denn er ist so exemplarisch: Frauen, denen es nach objektiven Maßstäben total gut geht, philosophieren darüber dass sie alles haben aber unglücklich sind, und die Lösung ist dann, nicht mehr soviel zu kaufen (außer dieses total süüüße Hasenpuppe, die von einer Künstlerin selbstgemacht und in Eigenregie verkauft wird, die früher Bankerin war und sich jetzt mit ihrem Bastelladen selbstverwirklicht hat) und sich selbst zu behandeln wie eine gute Freundin. Haha, merkt ihr wie ich euch die Worte im Mund rumdrehe, ihr flow-Redakteurinnen, und euren Denkanstößen damit eine ganz andere Bedeutung gebe?

Ich muss jetzt aufhören. Ich habe gar keine Pointe mehr fürs Ende.

Ich gehe jetzt zu Buzzfeed. In zwei Jahren gibt’s das sicher auch als Zeitschrift. 50 irre Häkeldeckchen, die deinen Glauben an die Menschheit wieder herstellen werden. Ich bin bereit!

Verlinken und Andere schreiben lassen V: Wenn, dann diesen einen NSA-Beitrag

Der Bruder vom Mitbewohner vom besten Kumpel - und schon kennst du ganz Berlin

Der Bruder von der Mitbewohnerin vom besten Kumpel – und schon kennst du ganz Berlin

Für alle, die heute abend keinen Tatort gucken und sich lieber bilden wollen; für alle, die das Gefühl haben, man könne eigentlich gar nicht wirklich verstehen, worum es beim NSA-Skandal alles geht; für alle, die sich mal beeindrucken lassen wollen, wie politisch brisante Inhalte richtig geil journalistisch aufbereitet werden können – wenn man The Guardian ist und nicht, ach, mir fällt überhaupt kein gutes deutsches Pendant zum Guardian ein; für alle, die nach dem Tatort noch ne halbe Stunde Zeit für die Realität haben; für alle, für die dieser mein Text zu konfus ist und die lieber was Ordentliches lesen wollen:

Der Guardian hat ein Dossier über die Thematik der globalen Internetüberwachung ins Netz gestellt: NSA Files decoded: What the revelations mean for you

Freilich besteht die Interaktivität letztendlich „nur“ darin, dass Texte von kurzen Videosequenzen und hübschen Grafiken mit Anklick-Feldern abgelöst werden, aber sagt das mal deutschen Nachrichtenportalen, denen nur einfällt, mit Foto-Strecken Klicks generieren zu wollen… aber andererseits ist es natürlich auch was für alle, die mal wissen möchten, mit wievielen Leuten sie eigentlich über Facebook mit nur zwei Klicks in Kontakt kommen können.

Unbedingte Leseempfehlung!

(via)

Verlinken und andere schreiben lassen IV: Ich bin ein Pfannkuchen

Da kann man doch von ausgehen, dass die Redenschreiber von John F. Kennedy schlauer waren als dahergelaufene Durchschnitts-Amerikaner behaupten!

„Scheise!“

Zeit und Raum

Bild von heart4skies auf deviantart.com

Bild von heart4skies auf deviantart.com

Bye bye Bubble-Tea-Laden Pankow. Sicher zieht in den nächsten Wochen ein sogenannter Hörgeräte-Akustiker in deine Räume ein. Nicht das Schlechteste, wenn man bedenkt, dass 2-3 km weiter südlich ein Kinder-Yoga-Café aus dir werden könnte.

Republica – Tag 3 und Fazit

Nun ist die Republica schon ein paar Tage vorbei und es wird Zeit für mich, Fazit zu ziehen. Aber nicht, ohne die Highlights des dritten Tages kurz zu erwähnen. Ich habe mir ja den kompletten Urheberrechts-Block auf Stage 3 reingezogen. Inhaltlich fand ich den Vortrag von Jeanette Hofmann und Christian Katzenbach am aufschlussreichsten. Sie berichteten darin von sozialen Normen, die Urheberrechtslücken in bestimmten Kunstbereichen füllen. Ihre Beispiele – Zauberkunst, Comedy und Kochen – sind allesamt Bereiche, in denen es besonders auf eine gute Idee ankommt: einen Trick, einen Witz, ein Rezept. Das Urheberrecht schützt ja nun aber nicht eine abstrakte Idee, sondern nur den konkreten Ausdruck, in dem sie sich manifestiert. Besonders für das Beispiel Comedy legten Hofmann und Katzenbach nun dar, wie soziale Normen innerhalb der Gruppe der Comedians dafür sorgt, dass das Gut „Witz“ mit seinem Urheber in Verbindung bleibt – nämlich dadurch, dass es innerhalb dieser Gruppe sozusagen „Ehrensache“ ist, den Erfinder eines Witzes zu würdigen. Wer dies nicht tut, muss mit Ächtung seiner Kollegen retten. Der Urheber eines Witzes muss genannt werden, und zwar – und das ist das Interessante – so lange, wie er bekannt ist. Es gilt also in diesem Fall nicht, dass ein Werk – der Witz – 70 Jahre nach dem Tot das Autors gemeinfrei wird. Die Anregung, die der Vortrag liefern sollte, war nun, dass man mal überlegen könnte, in wieweit soziale Normen auch auf andere Bereiche der Kunst angewendet werden könnten.

Hier ist das Video zum Vortrag:

Auch gut gefallen hat mir der Urheberrechts-Yeti. Das Überführen deutscher Bilder in die Gemeinfreiheit dürfte weitaus schwieriger sein, als dies in den USA der Fall ist, da sich europäisches Urheberrecht und anglosächsisches Copyright in einigen bedeutenden Punkten unterscheiden. Ich glaube, diese Bedenken sind im Vortrag nicht ausreichend zur Sprache gekommen, oder vielleicht war das auch nur meine Wahrnehmung. Trotzdem war ich vom Vortrag selber begeistert. So muss ein guter Vortrag gemacht werden, Verbildlichung des Themas (der „Yeti“), freie Rede, ein paar Witze. Das hat Spass gemacht.

Für alles andere bleibt mir nur, auch auf die tollen Überblickssammlung aller Videos von Michael Kreil zu verweisen. Hier findet ihr alles, was ihr noch sehen wollt – außer der Vortrage, die wegen urheberrechtlichen Ansprüchen dritter gesperrt sind (näheres bei netzpolitik). Man sieht, das Thema Urheberrecht hat seine Relevanz.

Die Republica waren ein paar tollen Tage für mich. Nicht alle Vorträge haben meine Erwartungen erfüllt, aber manchmal habe ich mich auch einfach treiben und angenehm überraschen lassen. Die Atmosphäre war wirklich entspannt, die Leute sehr nett, das Publikum schön gemischt. Nächstes Jahr will ich gerne wieder mit dabei sein!

Republika Round Up Tag 2

Nein, ich schreibe weiterhin das „republica“ ohne Doppelpunkt! Meinen Beitrag über den zweiten Tag kann man trotzdem lesen.

Der Tag war relativ durchwachsen. Ich habe unerwartet gute Vorträge gehört, unerwartet schlechte und vorrausgesagt tolle. Erst zu spät bin ich leider in Peter Kirns Beitrag über digitale Musikerzeugung reingekommen, den einzigen Termin den heutigen Tages, zu dem ich schon einen youtube-lembed anbieten kann.

Das war ein Technik-Vortrag, wie ich ihn mir als Laie vorstelle. Vom Klassiker, dem Theremin, zu absoluten Musik- und Technikfreaks, die schon in den siebziger Jahren Musikinstrumente gedacht habe, deren Design im Prinzip Tablets voraus gesagt haben. Schön mit musikalischen Beispielen unterlegt. Am coolsten fand ich dieses Teil von Max Mathews, mit dem mit zwei Klöppeln Rhythmus und Melodie eines Instruments auf einer glatten Fläche erzeugt werden, während seine Handbewegung im Raum, also in 3D, die Intensität und Stärke des Tons beeinflussen.

Auch toll fand ich den Vortrag von Matthias Spielkamp über moralische Aspekte des bedingungslosen Grundeinkommens (leider noch nicht online). So muss ein Vortrag gemacht sein, tolle Bilder, schlaue Referenzen, freie lockere Rede. Ich wusste, dass das gut wird, und das war es auch.

Über die enttäuschenden Sachen lass ich mich lieber nicht aus. Wer will, kann meinen Beitrag von gestern lesen und selber Schlüsse ziehen.

Aber nix gegen die digitalen Bananen. Das hat sich angefühlt wie Boulevard, aber nur, weil es so viele Themebereiche berührt hat. Die Sprecher hatten aber zu jedem Punkt das nötige Hintergrundwissen, Respekt. Außerdem haben sich da noch andere Leute als mir als Maschinenstürmer geoutet. Wer hätte gedacht, das von etwa 70 Leute rund 5 noch kein Smartphone haben. Das Credo des Beitrags: In fünf Jahren reden wir nicht mehr davon, dass digital das gute alte Analog verdrängt hat, sondern das ein Hybrid aus beidem unser schönes reines Digital verändert.

Ich muss auch sagen, Respekt an Jan Krancke, der sich als Repräsentant der Telekom in die Diskussion über Netzneutralität begeben hat. Obwohl ich seine Argumentation über die Drosselpläne äußerst dünn fand, war es gut, dass er da war und überhaupt geredet hat – und ja durchaus mit einem Quäntchen Selbstironie. Au die Forderung nach Transparenz bemerkte ja, dass das ja wohl sehr transparent war, was die Telekom zu ihren neuen Tarifen in den letzen Tagen bekannt gegeben hat. (link, anyone?)

Mal schauen, was der morgige Tag noch so bringt. Auf jeden Fall ist Vorträge hören anstrengender als die Akkreditierungsarbeit gestern.

 

Republica 2013 – Me In/Side/Out

Seit heute findet in Berlin die Republica statt, die Konferenz für Internet und digitale Angelegenheiten. Weil mein schmaler Geldbeutel mir wie schon in den letzten Jahren keinen Besuch erlaubt, habe ich mich dieses Mal als freiwilliger Helfer angemeldet, um neben der Arbeit auf der Konferenz in den kostenlosen Genuss der Vorträge zu kommen.

Heute morgen um elf haben ich mir einen Beitrag zur Internet-Wählermobilisierung im letzten Wahlkampf von Barack Obama angehört. Obwohl ich die ganzen Erfahrungen zum Online Campaigning recht aufschlussreich fand, hat mich der Vortrag doch teilweise an eine Werbeveranstaltung für den amerikanischen Präsidenten erinnert. Da wurde ein Video gezeigt, dass vom Campaigning-Team gedreht wurde, um die „Fangemeinde“ am Laufen zu halten. Eigentlich ging es in dem Video durchaus auch um politische Inhalte, trotzdem war es meiner Meinung nach viel zu sehr auf Emotionen aus. Die Frage stellt sich natürlich: Wie sehr darf und sollte man politischen Wahlkampf an Gefühle binden?

Danach ging es für mich an die Arbeit. Am Akkreditierungscounter habe ich Besucher begrüßt, Tickets gescannt und Bändchen verteilt. Die Arbeit hat mir sehr viel Spass gemacht, da die verantwortlichen Mitarbeiter und meine Helferkollegen ausnahmslos sehr nette und offene Menschen waren. Es ergab sich das ein oder andere aufschlussreiche Gespräch darüber, was die Besucher der Republica interessiert. Ich hoffe, dies geht in den nächsten zwei Tagen so schön weiter, wenn ich nicht mehr arbeiten muss, sondern mich voll und ganz den Vorträge widmen kann. Unter anderem auf dem Programm stehen für mich Internetaktivismus, Verschwörungstheorien, digitale Bananen, Cory Doctorow und natürlich die Beiträge zum Urheberrecht, die alle Mittwoch Vormittag stattfinden.

Übrigens habe ich alter Maschinenstürmer mir extra für die Republica ein ipad geliehen, um mich dem digitalen Rhythmus anzupassen. Mit dem Teil blogge ich auch gerade. Ich hoffe es passt!

Urheberrecht und Kulturflatrate für Alle!

Ja, für alle! Die Heinrich-Böll-Stiftung hat ein 5-Minuten-Video veröffentlicht, in dem die Grundgedanken und aktuellen Baustellen des Urheberrechts (Digitalisierung, Filesharing, Kultuflatrate, Crowdfunding) erklärt werden. Und zwar für Laien, Gehörlose, Botaniker, Spitzweg-Fans, Lottospieler sowie Fetischisten geiler Optik. Und wenigstens eines davon sind war ja wohl fast alle, oder?

(via).

Und wer dann das Thema für sich entdeckt hat, kann gerne noch in die Tiefe gehen. Denn wie irights.info schreibt, wurde ebenfalls heute ein von den Grünen in Auftrag gegebenes Gutachten (pdf) veröffentlicht, dass klären soll, unter welchen (vor allem rechtlichen) Bedingungen eine Kulturflatrate in Deutschland funktionieren kann.

Es scheint ein guter Tag für kreative Ideen zu sein!

Übrigens: Crowdfunding ist Anglizismus des Jahres 2012. Für den interessanterweise auch ein deutsches Synomyn existiert, das aber anscheinend ausschließlich von Anglizismus-Gegnern genutzt wird.

Wann kommt eigentlich das Leistungsschutzrecht für Wortneuschöpfungen? Gott bewahre…

Parken Sie hier! Gekonnte Parkzonenerweiterung im Prenzlberg – mit Poll

Parken Sie hier! Die Schilder der erweiteren Parkraumbewirtschaftungszone Prenzlauer Berg sind schon fertig.

 

Es ist schon verhext! Da war tatsächlich jemand im Bezirk Pankow clever genug zu merken, dass der 1. April keine gute Deadline für die Parkzonenerweiterung im Prenzlberg ist. Mit einem echten Anpacker-Ansatz wurde daher der 2. April zum Tag, ab dem Autoparker in einem noch umfassenderen Bereich des Stadtteils einen Parkschein erwerben müssen. Wer im jetzigen Parkzonenbereich unterwegs ist, weiß auch, dass der Parkschein alternativlos ist: Kontrolliert wird nämlich sehr fleißig – mit Knöllchen lässt sich wohl Geld verdienen.

Und trotz der praktischen Verschiebung des Termins wirkt die derzeitige Vorbereitung der Erweiterung wie ein Aprilscherz, wie in der Prenzlberger Stimme aufgezeigt wird: Die Schilder sind rechtzeitig fertig, aber ihre Fundamente nicht. Die Automaten sollen wohl laufen, aber die Erfassungsgeräte der Knöllchenschreiber werden wohl erstmal durch die old-school Papiervariante ersetzt. Smart, diese Endgeräte. Too smart too use. Und die Leidtragenden? Nicht-registrierte Anwohner können wegen fehlender Kapazitäten im Bezirksamt nicht rechtzeitig abgefertigt werden, und obwohl die Stadt auf die PIN-AG als Briefezusteller setzt (erst vor drei Tagen durfte man lesen, dass die Firma anscheinend systematisch die Adressen auf den Briefen speichert), werden bereits angeforderte Vignetten mit der Deutschen Post verschickt, weil da mehr Briefe auch im richtigen Kasten landen.

Man könnte meinen, man hätte es hier mit einem Lehrbuchbeispiel von Murphy’s Law zu tun. So Kinder, Hefte raus, Klassenarbeit. Aufgabe: Definiere Murphy’s Law (Tip: Was-schief-gehen-kann,-geht-schief) und beschreibe die Charakteristika dieser Regel anhand des oben verlinkten Texts zur Parkraumbewirtschaftung im Bezirk Pankow. Bonusaufgabe: Gehört der Text zur Kategorie der Realsatire? Diskutiere am Beispiel der Hosenproblematik!

Alas, die Hosenproblematik! Klamottentausch ist ja sowieso der neue wundertolle (sic!) Hipsterhype, den keiner braucht. Und Änderungschneidereien gibt es ja genug in der Gegend. Hosen kürzen kostet nicht mehr als 5 Euro, warum nicht mal die vietnamesischen Schneiderinnen der Gegend subventionieren? Gut, das Wort Subvention nehme ich zurück. Wer weiß denn, ob die Mitarbeiter die Änderungen nicht aus eigener Tasche bezahlen werden. In jedem Fall möchte ich mal sehen, wie jemand eine Hose Größe 56 in eine passable 38 ändert. Mit ein paar Abnähern ist es da wohl nicht getan.

Laut dem Artikel liegt das ganze Hosendilemma daran, dass jedes Kleidungsstück des hippen Parkraumüberwacher-Looks einzeln bestellt wurde, und jetzt nicht alle Teil gleichzeitig fertig geworden sind. Also alles doch eher ein Fall von klassischem Schildbürgertum?

Und jetzt sind Sie dran, liebe Menschen an den Geräten zu Hause! Was meinen Sie, handelt es sich bei den beschriebenen Vorgängen um einen deplazierten Aprilscherz, ein Paradebeispiel von Was schief gehen kann, geht schief, oder um ein verlorengeglaubtes, wiederentdecktes Kapitel aus Die Bürger von Schilda? Antworten Sie jetzt.

Und noch ein kleiner Hinweis an die Damen und Herren vom Amt: Der Begriff Parkraumüberwacher ist als neutrale Version von Politesse leider missglückt. Überwacher, das klingt so sehr nach George Orwell’s 1984, finden ihr nicht? Neusprech, übernehmen Sie!

Verlinken und andere schreiben lassen III: Space Night, Gema und Freie Musik

Als ich mich in der Uni mit Urheberrecht und Digitalisierung beschäftigt habe, war irights.info für mich ein wichtiger Anlaufpunkt. Auf der Webseite finden sich für verschiedene Kunstbereiche (Fotos, Musik, Filme, Programme, etc.) praktische Hinweise für den Umgang mit Urheberrecht, sowie immer wieder hochspannende Essays zu aktuellen rechtlichen und netzpolitischen Themen. Nachdem die Kurse und Prüfungen vorbei waren, haben ich einige der Blogs zum Thema wieder aus meinem RSS-Feed geschmissen, aber bei irights bin ich irgendwie hängen geblieben. Und gerade hat sich mal wieder gezeigt, warum: Ein Eintrag über die vor kurzem drohende Einstellung der BR Space Night wegen der Erhöhung der GEMA-Tarife. Das heißt, nein, gerade darum geht es in dem Beitrag nicht. Das ist nur der Ausgangspunkt. Danach wird gut verständlich aber trotzdem prägnant mal dargestellt, von welchen ideologischen Standpunkten aus sich das Thema GEMA vs. freie Musiklizenzen betrachten lässt. Un damit die Frage: Wieviel ist die Kunst uns wert?

Genug gefragt, ich wollte ja nur verlinken und die anderen schreiben (bzw. antworten) lassen:

Rettung der Space Night: Ende gut, bitterer Nachgeschmack

Lawrence Lessig über den US-Wahlkampf: The United States is hopeless

Geht euch das auch so? Der US-Wahlkampf nervt. Seit Tagen, nein, seit Wochen nichts anderes mehr auf allen Kanälen als Obama und Romney im Kampf ums Weiße Haus. Dabei versuchen die deutschen Journalisten, sich an manchmal brisanten, meistens aber schon die letzten Male durchgekauten, Themen abzuarbeiten. Als da wären mögliche Wahlmanipulationen mit den Wahlcomputern (via fefe), die Bedeutung der Swing States (auch von da), und natürlich die mehr oder weniger religiöse Aggressivität oder der Fanatismus aller Beteiligten. Wenige Tage vor der Wahl wird sogar ein Sturm zum Politikum. Wie annalist richtig feststellte, wird sogar in den deutschen Kindernachrichten über die Wahl berichtet. Als könnten deutsche 8-Jährige irgendeinen Einfluss darauf haben. Manch einer Redaktion sind sogar politische Kaffeebecher einen Artikel wert.

So ist das mit der Omnipräsenz der US-Wahl. Für jemanden, der das Thema entnervt zu vermeiden versucht, bin ich ganz schön gut informiert, was? Dabei ist es egal, von welcher Seite die jeweiligen Artikel die Wahl anpacken, die dahinter stehende Botschaft bleibt immer die gleiche: Die US-Wahl ist für uns relevant. Wie das US-amerikanische Volk sich entscheidet, wird auch für unser Leben wichtige Konsequenzen haben.

Eine gegensätzliche Meinung dazu kam vor kurzen aus einer Richtung, aus der ich nicht damit gerechnet hätte. Vor etwa einer Woche war Lawrence Lessig in Berlin und hat einen Vortrag gehalten. Der Mann ist Professor für Recht an der Universität von Harvard, hat das Konzept der Creative Commons, eine Abwandlung des Copyright, erfunden, unter der auch dieser Blog steht, und ist – für alle, die sich für jene Sachen einen Teufel interessieren – auch sonst sehenswert als Mastermind mitreißender digitaler Präsentationstechniken.

Lawrence Lessig spricht also in Berlin über das Internet, über Copyright und Urheberrecht, über Politik, und, man hätte es sich doch eigentlich denken können, über die USA. Und was er so erzählt hat, macht einen hellhörig. Während der Jounalisten-Zirkus uns weismachen möchte, wer der neue US-Präsident wird, hätte für uns weitreichende Konsequenzen, argumentiert Lessig in Richtung etwas Anderem: In Wahrheit, so Lessig, habe die Auswahl der amerikanischen Politiker nicht mal für die Politik des eigenen Landes Konsequenzen.

Hier ist der volle Vortrag, ab Minute 21:30 kommen die dafür relevanten Argumente:

Die USA, so Lessig, sind doch eigentlich nur noch bedingt eine Demokratie, bei der die Macht vom Volke ausgeht. Stattdessen regieren diejenigen Personen, die genügend Geld haben, um den Wahlkampf zu finanzieren. Weil nur jene Politiker, die ihren Wahlkampf finanziert bekommen, überhaupt eine Chance haben, anzutreten. Das macht er mit einer Metapher deutlich, die die Willkür der ganzen Sache unterstreicht. Wie wäre es, wenn erst alle Menschen, die mit Vornamen Lester heißen, bestimmen könnten, wer sich zur Wahl stellen darf. Danach könnte dann die gesamte Bevölkerung abstimmen, welcher der von den Lesters ausgewählten Kandidaten ihr Favourit für den Regierungsposten ist. Würden wir das eine vom Volk ausgehende Demokratie nennen? Nun, meint Lessig, genauso funktioniert aber Wahlkampf in den USA. Die Leute mit dem Geld bestimmen, wer gewählt werden kann. Dazu bringt er ein paar Zahlen ins Spiel: In den USA wohnen 300 Millionen Menschen, von denen etwa 144.000, also 0,05%, Politiker mit so viel Geld unterstützen können, dass es als relevant für die Finanzierung des Wahlkampfes gilt. Wenn man die Summen erhöht, wird die Zahl der Förderer natürlich kleiner. Und so haben, laut Lessig, 0,000015% aller US-Amerikaner, das sind 47 Menschen, 42% des Geldes gegeben, dass im bisherigen Wahlkampf um die US-Präsidentschaft ausgegeben wurde.

Wenn man das, von 82 Millionen Einwohnern ausgehend, auf Deutschland umrechnen würde, wären das 12 Menschen. Man kann sich ja mal den Spass machen und überlegen, wer die zwölf finanziell einflussreichsten Menschen in Deutschland sind, und welche Parteien sie wohl finanziell unterstützen würden. Das Problem mit Parteispenden besteht natürlich auch in Deutschland, aber unter anderen Zusammenhängen und Voraussetzungen und, hoffentlich, nicht in so krassem Maße. Zumindest ist es nicht so, dass ausschließlich von der Privatwirtschaft gut unterstützte Parteien zur Wahl antreten können.

Zurück zu Lessig und den USA. Für die Politiker äußert sich dieser Umstand darin, dass sie ihren Förderern nach dem Mund reden müssen, wenn sie unterstützt werden wollen, also dass sie bei politischen Entscheidungen im Kongress von ihren Geldgebern in deren ideologische Richtung getrieben werden. Es entsteht ein Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Volkes und denen der Förderer, dem die Kongressmitglieder nicht gerecht werden können.

Natürlich ist auch den US-Amerikanern bewusst, wie übel es um die Demokratie in ihrem Land steht. Nur 9% vertrauen ihrem Kongress. Die Mehrheit der Leute, die bei den Kongresswahlen 2010 hätten abstimmen könnten, taten dies nicht, und zwar zum Teil, weil sie glaubten das „es egal ist, wer gewinnt. Die Wirtschaft hat trotzdem zu viel Macht und wird verhindern, dass sich wirklich etwas verändert.“

Diese ganzen Zahlen und Aussagen bringt Lessig natürlich nicht einfach so. Sein Vortrag dreht sich ums Urheberrecht, und was er mit seinem Exkurs über die US-Politik sagen will, ist folgendes: Rechtliche Verbesserungen des Copyright-Gesetzes in den USA brauche man nicht zu erwarten, da die finanzielle Unterstützung der Förderer der Privatwirtschaft (ich vermeide bewusst das Wort „Lobbyismus“, weil er es auch nicht gebraucht), jegliche Veränderungen der Gesetzgebung höchst unwahrscheinlich macht. Was heißt höchst unwahrscheinlich! Was neue Gesetzgebungen zum Thema Copyright betrifft, sind die USA laut Lessig schlicht „hopeless“.

Hoffnungslos. Wenn also ein renommierter Harvardprofessor für Recht so die politischen Möglichkeiten seines Landes zusammenfasst, Gesetzesänderungen auf den Weg zu bringen, warum berichten wir gleich nochmal über die Wahl des US-amerikanischen Präsidenten?

10 Jahre Hartz IV: Wir konzipieren eure Zukunft

Es ist wohl die Meldung des Tages: Heute vor zehn Jahren wurden in Deutschland die Hartz IV Gesetze vorgestellt. Und schon nach dem Artikel auf tagesschau.de, meiner Startseite, habe ich keine Lust mehr, irgendwo anders hin zu klicken. Was ich bis jetzt gelesen habe, ist mehr als symbolisch für unsere Zeit:

Zum Ersten ist da ein Wirtschaftsmanager, der politische Gesetze kreiert. Gesetze, die den Arbeitsmarkt betreffen. Und bei der SPD hat sich keiner gefragt, ob er mit seinem Hintergrund nicht vielleicht voreingenommen sein könnte?

Dann diese Arroganz, mit der die Konzepte präsentiert werden: „Wir haben hier die Zukunft der zwei Millionen Arbeitslosen konzipiert.“ Als ob man ein therapeutisches Beschäftigungsprogramm für verhaltensauffällige Zootiere vorstellen würde. Vielleicht fragt mal einer Arbeitslose, was sie sich für ihre (berufliche) Zukunft wünschen? Stattdessen stellt man sich als Messias hin, als Retter Deutschlands, der die Patentlösung für alle hat. One size fits all.

In die selbe Kerbe schlägt die Formulierung Schröders: „Das wird die Aufgabe sein, der wir uns in der nächsten Zeit mit aller Kraft zu widmen haben.“ Ja klar, Moses Schröder steigt vom Berg herab, in der Hand eine „Diskette“ mit den Geboten des Wirtschaftswunder-Gottes. Schade nur, das man im Christentum ne Menge irdisches Leid ertragen muss, bevor man vielleicht ins Himmelreich kommt – wenn man sich die ganze Zeit geschämt hat für das, was einem die Anderen vorwerfen. Ob Schröder und Hartz sich manchmal fragen, ob sie nicht vielleicht gesündigt haben?

Und dann die gesellschaftlichen Reaktionen! Gewerkschaftsanklagen, Demonstrationen, Protest! Genützt hat es nichts. Die Gewerkschaften sind ein zahnloser Tiger geworden und werden heute selbst wie wirtschaftliche Unternehmen geführt. Vorbei die Zeiten als man Streiks organisierte, bei denen nicht gleichzeitig Ausweichmöglichkeiten geschaffen wurden.  Von Massenstreiks ganz zu schweigen.
Und ja, die politischen Gegner profitieren von der Grütze, die die Anderen verzapfen. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Und egal was man vorschlägt, es wird immer jemanden geben, der dagegen ist oder dagegen argumentiert. Leider weiß man manchmal nicht, warum jemand „dagegen“ schreit. Gerade in der Politik beschleicht einen oft das dumme Gefühl, dass es nur der Wunsch nach dem eigenen Vorteil ist.

Sigmar Gabriel würde gut daran tun, die politischen Fehler, die seine Partei damals gemacht hat, klar zu benennen. Was wurden denn für Fehler gemacht bei der Leih- und Zeitarbeit, im Niedriglohnsektor? Jeder der Leute kennt, die in diesen Bereichen arbeiten, oder schon mal mit Leih- und Zeitarbeiten zusammengearbeitet hat, weiß es. Aber weiß Gabriel es auch? Keine Anspielungen auf die christliche Mythologie jetzt, mein Text ist schon „emotional“ genug.

Das dicke Ende kommt zum Schluss, die Bundesarbeitsministerin kommt zu Wort: 2,8 Millionen Arbeitslose haben wir heute. Verschweigt damit allerdings, das Hartz IV und Arbeitslose nur bedingt miteinander zu tun haben. Es stimmt, nicht alle Arbeitslosen beziehen Hartz IV – oder ALG II, wie es eigentlich heißt. Manche bekommen zum Beispiel auch ALG I. Gleichzeitig beziehen aber auch eine Menge Leute, die nicht arbeitslos sind, ALG II. Zum Beispiel die von Gabriel erwähnten Arbeiter im Niedriglohnsektor. Die Stichworte lauten unter anderem Ein-Euro-Job und 400-Euro-Job.

Die Arbeitslosenzahlen sagen nichts darüber aus, wie viele Leute in Deutschland Grundsicherung vom Staat bekommen, weil sie von ihrem Gehalt nicht leben können. Das ist die grundlegendste Sache, die man über Arbeitslosenstatistik und Hartz IV wissen muss.  Sozusagen das Allererste, was jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, kapieren sollte. Die goldene Grundregel, das erste Gebot (ich kann’s nicht lassen). Und solange Ursula von der Leyen so tut, als wäre das nicht so, ist sie für mich nicht tragbar als Bundesarbeitsministerin. Kompetenzlos. Thema verfehlt, Sechs, setzen.

Was gab es in den letzen Jahren nicht für Ereignisse, die staatliche Unterstützungen in ein schlechtes Licht gerückt haben? Aslybewerber bekommen menschenunwürdig wenig Geld, sie sollten so viel erhalten wie ALG II Empfänger. Aber selbst ALG II Empfänger bekommen zu wenig Geld zum Leben, die Sätze wurden seit Jahren nicht erhöht. Die Sätze für Kinder sind verfassungswidrig niedrig. Zusätzliche Angebote, zum Beispiel in Form von Geld für die Ausstattung für den Schulunterricht, reichen nicht, um die Kosten der Eltern zu decken. Zusätzlich kommen die kleinen Fallstricke: Die Zusatzgebühr, die manche Krankenkassen schon verlangen, müssen Hartz IV Empfänger selber tragen, ohne das ihre Bezüge erhöht werden. Die Größe und  der Mietpreis der Wohnungen, in denen sie wohnen dürfen, wurde willkürlich festgelegt. Wenn sich keine kleineren Wohnungen finden lassen, in die man die Leute umziehen lassen kann, muss schonmal ein Zimmer leer geräumt und verschlossen werden – Benutzung ausgeschlossen. Wem bitte nützt solch eine Regelung? Der betroffenen Familie? Dem Vermieter? Dem Staatshaushalt? Artikel 13 unserer Grundrechte lautet „Die Wohnung ist unverletzlich.“ Ist sie doch. Jeder hat das Recht, sich in seiner Privatsphäre frei entfalten zu können. Hat er nicht.

Ich will gar nicht anfangen von dem nachmal schon reflexartig vorgebrachten Unterstellungen, die man ALG II Empfängern persönlich oder in den Medien entgegen bringt: Arbeitsscheues Pack; sind doch bloss zu faul; wer arbeiten will, der findet auch welche; nehmen das Geld für ihre Kinder um sich Alkohol und Zigaretten zu kaufen. Ich verweise auf oben: ALG II ist nicht gleich arbeitslos. Und frage: Wer kennt solche Fälle wirklich, und wer nur aus der Zeitung? Und wenn man solche Fälle kennt, darf man dann alle Hartz IV Bezieher über einen Kamm scheren?

Man kann ja mal den Blick über den Tellerrand werfen, und ich persönliche schaue gern nach Großbritannien. Und bin nicht minder schockiert. Dort lässt man inzwischen Gefängnisinsassen für etwa 4,50 Euro am Tag in Call Centern arbeiten und entlässt die eigenen Angestellten, die natürlich mehr kosten. Wer arbeitslos ist und Geld vom Staat erhält, bekommt „Jobs“ angeboten, zum Beispiel in Supermarktketten. Dort soll man unbezahlt arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln. So subventioniert der britische Staat die großen Firmen, die Beschäftige kündigen, um dann andere für umsonst arbeiten zu lassen. Leider „vergisst“ das JobCentrePlus dann manchmal zu erwähnen, dass die Teilnahme eigentlich freiwillig ist – solange man nicht zugesagt hat. So entsteht der Eindruck, man werde zu der Teilnahme gezwungen. Ein Gericht urteilte nun, man könne das ja nicht mit Zwangsarbeit vergleichen. Und dann gab es noch die Langzeitarbeitslosen, die während der Thronjubiläumsfeierlichkeiten als Security beschäftigt wurden, und denen man sagte, es gebe in London keine Unterkünfte für sie, und sie sollten unter Brücken schlafen.

Wäre in Deutschland unmöglich? Immerhin hat man sich nicht gescheut, laut darüber nachzudenken, dass die ehemaligen Schlecker-Angestellten nun alle zu Erzieherinnen umgeschult werden könnten. Ob sie das möchten, hat man nicht gefragt. Wir konzipieren die Zukunft unserer Arbeitslosen. Ich glaube nicht, dass sie rosig aussieht.