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Verlinken und Andere schreiben lassen VI: Halt mal die Luft an!

Endlich mal richtig kritisches Gemecker zum Thema NSA und digitale Überwachung. Da fanden sich in meinem Reader gleich zwei Artikel, die mal die Doppelmoral der Spionage-Kritiker aufzeigen:

Bei leitmedium wird gezeigt, wieviel Leser-Tracking-Tools die großen Online-Nachrichten-Portale (Hilfe, Bindestrich-Attacke!) eigentlich auf ihren Artikelseiten einsetzen, auf denen die Online-Überwachung von google, facebook und Co. kritisiert wird.

Und bei netzpolitik regt sich Lorenz Matzat über Überwachungskritik auf Streichelzoo-Niveau auf.

Motto: Mal schön vor der eigenen Haustür kehren. Finde ich auch. Sollten wir alle sowieso viel öfter machen…

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Verlinken und Andere schreiben lassen V: Wenn, dann diesen einen NSA-Beitrag

Der Bruder vom Mitbewohner vom besten Kumpel - und schon kennst du ganz Berlin

Der Bruder von der Mitbewohnerin vom besten Kumpel – und schon kennst du ganz Berlin

Für alle, die heute abend keinen Tatort gucken und sich lieber bilden wollen; für alle, die das Gefühl haben, man könne eigentlich gar nicht wirklich verstehen, worum es beim NSA-Skandal alles geht; für alle, die sich mal beeindrucken lassen wollen, wie politisch brisante Inhalte richtig geil journalistisch aufbereitet werden können – wenn man The Guardian ist und nicht, ach, mir fällt überhaupt kein gutes deutsches Pendant zum Guardian ein; für alle, die nach dem Tatort noch ne halbe Stunde Zeit für die Realität haben; für alle, für die dieser mein Text zu konfus ist und die lieber was Ordentliches lesen wollen:

Der Guardian hat ein Dossier über die Thematik der globalen Internetüberwachung ins Netz gestellt: NSA Files decoded: What the revelations mean for you

Freilich besteht die Interaktivität letztendlich „nur“ darin, dass Texte von kurzen Videosequenzen und hübschen Grafiken mit Anklick-Feldern abgelöst werden, aber sagt das mal deutschen Nachrichtenportalen, denen nur einfällt, mit Foto-Strecken Klicks generieren zu wollen… aber andererseits ist es natürlich auch was für alle, die mal wissen möchten, mit wievielen Leuten sie eigentlich über Facebook mit nur zwei Klicks in Kontakt kommen können.

Unbedingte Leseempfehlung!

(via)

Wie man sein Facebook-Konto löscht

Ja, die Überschrift bringt sicher Seitenaufrufe ohne Ende. Aber es ist wahr. Gestern habe ich meinen Facebook-Account gelöscht. Eine Woche vor der Löschung habe ich eine Nachricht auf meiner Pinnwand gepostet, in der ich meine Freunde bat, mir ihre E-Mail-Adressen zukommen zu lassen oder mich nach meiner zu fragen, falls sie mit mir in Kontakt bleiben möchten. Ich war vorher ziemlich skeptisch was diese Vorgehensweise angeht. Immerhin ist ja bekannt, das Facebook aussortiert, wessen Posts man auf der eigenen Pinnwand sieht, und so hatte ich den Verdacht, vielleicht nicht alle erreichen zu können. Aber das Feedback war wirklich toll. Ich habe ein paar sehr nette Nachrichten bekommen und ein paar Handynummern wurden durchgegeben – die meisten hatte ich ja schon, aber manchmal ist es ganz gut auf Nummer sicher zu gehen. Ich würde sagen, von den etwa 130 Freunden, die ich auf Facebook hatte, haben sich etwa 5 extra gemeldet. Das klingt erstmal sehr wenig, ist aber recht gut, wenn man bedenkt dass die meisten meiner Freunde auch in Berlin wohnen und wir uns regelmäßig sehen, bzw. gemeinsame Bekannte haben, die wir regelmäßig sehen. Ich habe mich über jede dieser Nachrichten sehr gefreut. Drei Leute habe ich vorher explizit angeschrieben und darauf hingewiesen, dass ich mich abmelden werde und wir unsere E-Mail-Adressen sicherheitshalber nochmal überprüfen müssen. Alle drei waren extrem wichtige Fälle für mich, es handelt sich um Leute, die ich in meiner Zeit in Manchester kennen gelernt habe und die alle mehr oder weniger weit weg im Ausland wohnen. So weit weg, dass ich nicht weiß wann und wo mal eine Gelegenheit herkommen soll, sich wiederzusehen.

Um die Gründe darzulegen, warum ich mich von Facebook verabschiedet habe, müsste ich, wenn ich ausführlich antworten soll, auch in Manchester anfangen. Außerdem wirds so ne kleine runde Geschichte von der man sich unterhalten lassen kann. Für alle, die keine Lust aufs Lesen haben, die Kurzbegründung lautet: Der Nutzen von Facebook stand in keinem Verhältnis mehr zur investierten Zeit. Ich will nicht sagen, dass er gegen Null tendierte, aber er war schon letztendlich sehr gering. Natürlich könnte man mir vorwerfen, ich hätte dann ja einfach weniger Zeit in Facebook investieren können. Dies hätte aber meiner Meinung nach nur dazu geführt, dass der Nutzen noch geringer wird. Denn wer auf Facebook nicht schreibt, kommentiert, interagiert, der bekommt auch nichts zurück und die Activity-Leiste bleibt leer. Ganz im Sinne einer Selbstverstärkung hätte das also dazu geführt, dass ich Facebook irgendwann auch nicht mehr genutzt hätte. Warum also den Patient lange quälen und weiter Zeit verschwenden? Ich habe mir lieber den Gnadenschuß gegeben.

Zurück zu Manchester. Die Geschichte beginnt in der Kategorie „Oma und Opa erzählen von vor dem Krieg“. Denn damals…damals, als ich mich bei Facebook angemeldet habe, brauchte man noch eine gültige E-Mail-Adresse einer englischen Universität, um überhaupt Mitglied werden zu dürfen. Facebook war damals den Studenten vorbehalten, und zwar sogar meines Wissens nach nur den us-amerikanischen und britischen. Die hatten nämlich schon alle ihr Facebook-Konto, wären die europäischen Austauschstudenten sich alle erst anmelden mussten. Was noch eine ganze Woche nach Ankunft in Manchester dauerte, denn erst dann bekamen wir eben besagte E-Mail-Adresse @student.manchester.ac.uk. Bis dahin war ich laut Aussage einer meiner Mitbewohnerinnen „socially dead“, denn das war man eben als Student in England ohne Facebook. Fast fünf Jahre ist das jetzt her. In Manchester habe ich Facebook tatsächlich rege genutzt, um mich mit anderen Leuten zu vernetzen. Die Schattenseiten wurden auch ziemlich schnell deutlich – anhand der schlechten Beispiele anderer. Unvergesslich, wie ich einmal einer Studentin aus dem Nachbarhaus auf offener Straße begegnete, nachdem ich eine Woche lang jeden Tag neue Bilder im Activity Feed sah, deren Aussage immer die gleiche war „…wurde getaggt in einem Bild von der und der Party“. Wir schauten uns an und schmunzelten, wussten wir doch beide, das sie gerade von einer sehr langen, wilden Partytour zurückkam – ohne das sie mir das erzählt hätte.

Zurück in Berlin überlegte ich kurz, ob ich mein Konto wieder löschen sollte. Mit meinen deutschen Freunden hatte ich ja keine Möglichkeit, darüber zu kommunizieren. Dafür gab es myspace. Ich habe mich dann entschieden, dass Konto zu behalten, um mit meinen Freunden, die ich in Manchester kennengelernt habe, in Kontakt zu bleiben. Und musste in den kommenden Jahren erstaunt feststellen, wie immer mehr meiner Bekannten sich dort anmeldeten und mich in Freundeszahlen und Aktivitäten weit überholten. Der zeitliche Vorsprung hat mir nichts genützt – obwohl ich auch nicht vorhatte, auf Facebook Freunde zu „sammeln“.

Irgendwann wurde myspace unbenutzbar. Zugeknallt mit eingebetteten Videos und Flashplayern stürzten Bandprofile reihenweise ab und Musikhören wurde nahezu unmöglich. Dann waren auf einmal alle auf Facebook. Der schlußendliche Auslöser, meinen myspace-account zu löschen war dann, als ich irgendwann feststellte, das alle alten Nachrichten – auch die, die ich extra gespeichert hatte – nicht mehr abrufbar waren. Vermisst habe ich myspace nicht. Und nun also Facebook. Warum tendierte der Nutzen gegen Null? Erstmal hat mich das „neue“ Facebook extrem gestört. Statt alle Neuigkeiten im Activity-Feed zu sehen, auswählbar nach „Top News“ und chronologischer Erscheinungsweise, waren die chronologischen Meldungen auf einmal in ein Mini-Fenster auf die rechte Seite verbannt, und in der Mitte erschienen immer wieder die selben zehn Nasen. Ich hatte niemals die Lust dazu, einzeln Freunde auszuwählen und deren News-Feed zu abonnieren. Extreme Zeitverschwendung. Ich denke, vielen meiner Freunde ging es ähnlich, denn die Kommentare und Likes auf meine Post wurden immer weniger. Sehr viel weniger. Dann habe ich zweimal versucht, eine Party über Facebook zu organisieren und bin grandios gescheitert. Gut, einmal lags am Wetter, aber demotiviert war ich trotzdem. Hinzu die vielen, vielen Nachrichten über rechtliche und Datenschutzfragen. Ich mochte meine tollen Urlaubsbilder einfach nicht dort hochladen. Ich mochte irgendwann auch keine persönlichen Nachrichten mehr über Facebook schreiben. Ich bin mir bewusst, das Facebook teilweise zum Sündenbock gemacht wird und mein Google-Mail Konto auch nicht besser ist. Aber da ist der Nutzen für mich größer. Wenn ich eine E-Mail schreibe, kommt auch was zurück.

Der Punkt ist: Facebook hält die Illusion aufrecht, dass du mit Menschen in Kontakt bist, aber das bist du nicht. Du könntest deine vielen Freunde, von denen du lange nichts gehört hast, anschreiben, um zu hören wie es ihnen geht, aber du kommuniziert immer nur mit den selben Leuten. Denen, zu denen du eh Kontakt hast. Du tust es nicht, weil du es ja jederzeit könntest. Die Möglichkeit lähmt deine Handlung. Ich schreibe „du“ statt „ich“, weil es nicht nur mir so geht. Deshalb habe ich mich entschieden, Facebook lebewohl zu sagen. Wer mich drankriegen will, an den PC, ans Telefon oder an Skype, der kriegt mich. Wen ich treffen will, bei dem meld ich mich. Und wen ich zufällig auf der Straße treffe, über den freu ich mich und halt ein kleines Pläuschen. Der Rest ist geschenkt. Vielleicht versuch ichs irgendwann nochmal mit social networking. Wenn diaspora endlich ans Netz geht.

Das Facebook-Konto löschen geht übrigens ganz einfach. Einfach in der Hilfe-Suche „Facebook löschen“ eingeben und dem Link folgen. Und ein letztes noch: Ja, ich weiß, dass die meine Daten noch haben. Ich wollte nicht warten, ob es in tausend Jahren mal möglich sein wird, die zum Löschen zu verpflichten.

Über die Unruhen in Manchester

In der letzten Nacht, auf den 10.08.2011, verschob sich der Fokus der momentan in England stattfindenden Unruhen von London in den Norden – besonders in Manchester und Birmingham wurde geplündert, aber auch Liverpool wurde nicht verschont. Ein etwas mulmiges Gefühl ist es schon, ein Bild von Manchester, für viele in Deutschland eine eigentlich recht unbedeutende Stadt, als Aufmacher auf allen Nachrichtenkanälen zu sehen. Immerhin ist die Stadt meine hauptsächliche Fernweh-Projektionsfläche und ich habe ein halbes Jahr dort gelebt. Daher habe ich, nachdem ich gestern abend auf tagesschau.de kurz las, das gerade in Manchester randaliert wird, die halbe Nacht damit verbracht, mich im Internet über die Ereignisse auf dem Laufenden zu halten. Nachdem ich die Fakten in der Uni alle schon vor Jahren gelernt hatte, gab es nun auch endlich meine persönlichen Internet-Twitter-Kommunikation-OpenData-Bürgerjournalismus Aha-Momemte.

Zunächst einmal hat die Live-Berichterstattung auf Guardian.co.uk meine wichtigsten Neugierden sehr gut befriedigt. Hier ist das Skript der Nachrichten, die letzte Nacht verbreitet wurden. Sehr gut, um sich einen Überblick zu verschaffen, Quellen kommen aus verschiedensten Richtungen (Augenzeugen, Polizei, andere Nachrichtenseiten, Twitter) und werden immer genannt. Die einzelnen Texte sind kurz und prägnant, aber detailliert und enthalten keine Allgemeinplätze.

Außerdem haben die Redakteure eine Karte gebastelt, auf der alle gemeldeten und von der Polizei verifizierten Vorfälle eingezeichnet sind. Ich konnte mir also anschauen, wo genau die Zwischenfälle stattfanden. Anders all in London beschränkten sich die Ereignisse in Manchester in der letzten Nacht wirklich nur auf das Stadtzentrum – andere Wohngebiete waren nicht betroffen.

Die Guardian-Karte mit Fotos ist noch ein bißchen dürftig bestückt. Aber der Flickr-pool, den die Redakteure angelegt haben, ist riesig.

Fast noch beeindruckender als die überwältigend genaue Arbeit beim Guardian fand ich die Kommunikation der Greater Manchester Police. Unter dem Kürzel GMP wurde ich die ganze Nacht lang auf Twitter informiert, was die Polizei gerade tut. Es wurden Hinweise zu öffentlichen Verkehrsmittel gegeben und Kontaktmöglichkeiten genannt, unter denen man sich als Zeuge melden kann. Und vor allem hat die GMP versucht, auf die Fragen anderer Twitter-Nutzer zu antworten. Dazwischen als Würze Ansagen wie „Viele Verdächtige auf Überwachungskameras festgehalten. Wir werden euch identifizieren und wir werden euch kriegen.“ Wem’s noch nicht spannend genug war, das machte die Sache richtig aufregend.

Vielleicht kann man auf die „Na wartet“-Sprüche verzichten. Das ist britischer Sarkasmus, der funktioniert in Deutschland einfach nicht. Ansonsten kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass die Berliner Polizei so kommunizieren würde, zum Beispiel am 01.Mai. Falls es jemand anders weiß, lasse ich mich jedoch gerne eines Besseren belehren.

Meine dritter Info-Punkt war die Facebook-Seite Manchester riot – updates 2011. Leider hab ich noch nicht herausfinden können, wer dahinter steckt. Aber als Sammelstelle für youtube-Videos von Zeugen war die Seite letzte Nacht bestens geeignet.

Nichtsdestotrotz hoffe ich natürlich, dass heute Nacht alles ruhig bleibt – in Manchester und anderswo. Über Gründe für die Aufstände brauche ich hier nicht lang und breit zu schwadronieren, statt dessen zwei Links: einen deutschen, von tagesschau.de: Da hilft nur eine ganz andere Politik; und einen englischen, vom Guardian: The psychology of looting. Beide treffen des Pudels Kern meiner Meinung nach recht gut – der englische lohnt sich wirklich. Mein persönliches Gefühl war immer, dass uns England in Sachen politischer und sozialer Probleme um Längen voraus ist. Wer über deutsche Politik gemeckert hat, dem habe ich oft gesagt: In England ist es noch viel krasser. Darin fühle ich mich jetzt leider bestätigt. Vor allem hoffe ich daher, das England seine Probleme in den Griff bekommt. Das wird ein langer Weg sein, aber jetzt gibt es keinen Grund mehr, nicht den ersten Schritt zu machen.

die banane – mein persönlicher bigmac-index

heute morgen auf facebook:

facebook banane

eine banane zum verschenken, für einen us dollar. das sind 65 eurocent, 49 pence, 6,08 schwedische kronen, 102,38 yen und was weiß ich was für währungen ihr noch kennt. jetzt würde ich gerne mal wissen: was kostet die supermarkt-banane in deinem land?