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früher war alles schöner: tische

Der Bjursta, nackt wie Ikea ihn schuf

Der Bjursta, nackt wie Ikea ihn schuf

Vor etwa einem Jahr habe ich mir einen Wohnzimmertisch gekauft. Dreimal dürft ihr raten, wo! Bei IKEA. Ich mag schöne alte Möbel. Ich habe lange überlegt, ob ich mir einen Tisch vom Flohmarkt hole. Ich habs dann gelassen, weil ich im Moment vom Berliner Second-Hand-Markt angenervt bin. Ich habe das Gefühl, es ist nicht die Zeit, wo man schöne Sache zu einem vernünftigen Preis finden kann. Und ich rede noch nicht mal von Schnäppchen, vom perfekt erhaltenen Biedermeier-Tisch für 50 Euro. Sondern von normalen, vernünftigen Sachen. Stattdessen scheint alles, was ich gesehen habe, entweder in total schlechtem Zustand – vermodert, kaputt, kaputt repariert, oder nach aktuell trendiger „Vintage“ / „Designer“ Art und Weise gnadenlos aufgehippt und unverschämt teuer.

Ich schweife hab…ich habe mich also für den aktuellen Preis-Leistungs-Spitzenreiter bei Ikea entschieden, den Bjursta. Ich hätte gerne einen Massivholztisch gehabt. Der Bjursta ist teilweise aus Spanplatte, aber er kann den soliden Eindruck von Massivholz ziemlich gut imitieren. Man kann ihn mit unter der Tischplatte verdeckten Elementen bis zum anderthalb-fachen seiner Länge verlängern. Er hat eine wunderschöne dunkelbraune Farbe. Er sieht nicht nach Ikea aus (ich weiß, jeder behauptet das von „seinen“ Ikeamöbeln). Tut er wirklich nicht.

Ich will gar nicht über meinen Bjursta meckern. Der ist nicht hässlicher, als der alte Vergleichstisch, um den es gleich gehen soll. Oder schlechter. Ist n Top-Tisch für sein Geld (129 Euro).  Alles in Ordnung.

Ich war mir sicher, dass es keinen besseren Tisch für einen ähnlichen Preis geben könne. Bis ich ihn heute gefunden habe: Einen Tisch, der sicher nicht besser oder schlechter ist als jeder einzelne Bjursta dieser Welt. Dafür ein Tisch mit Geschichte. Draufklicken, ungefähr bis zur Mitte runterscrollen, bis zur Überschrift „Ian Curtis’s kitchen table“. Ja, das ist er…der Küchentisch von Ian Curtis, ging bei Ebay weg für 100 Pfund (das sind am heutigen Tage etwa 120 Euro). Da hätte ich auch das Geld für ne Spedition von Macclesfield nach Berlin bezahlt, wenn ich dafür diesen Tisch gekriegt hätte!

Wie man sein Facebook-Konto löscht

Ja, die Überschrift bringt sicher Seitenaufrufe ohne Ende. Aber es ist wahr. Gestern habe ich meinen Facebook-Account gelöscht. Eine Woche vor der Löschung habe ich eine Nachricht auf meiner Pinnwand gepostet, in der ich meine Freunde bat, mir ihre E-Mail-Adressen zukommen zu lassen oder mich nach meiner zu fragen, falls sie mit mir in Kontakt bleiben möchten. Ich war vorher ziemlich skeptisch was diese Vorgehensweise angeht. Immerhin ist ja bekannt, das Facebook aussortiert, wessen Posts man auf der eigenen Pinnwand sieht, und so hatte ich den Verdacht, vielleicht nicht alle erreichen zu können. Aber das Feedback war wirklich toll. Ich habe ein paar sehr nette Nachrichten bekommen und ein paar Handynummern wurden durchgegeben – die meisten hatte ich ja schon, aber manchmal ist es ganz gut auf Nummer sicher zu gehen. Ich würde sagen, von den etwa 130 Freunden, die ich auf Facebook hatte, haben sich etwa 5 extra gemeldet. Das klingt erstmal sehr wenig, ist aber recht gut, wenn man bedenkt dass die meisten meiner Freunde auch in Berlin wohnen und wir uns regelmäßig sehen, bzw. gemeinsame Bekannte haben, die wir regelmäßig sehen. Ich habe mich über jede dieser Nachrichten sehr gefreut. Drei Leute habe ich vorher explizit angeschrieben und darauf hingewiesen, dass ich mich abmelden werde und wir unsere E-Mail-Adressen sicherheitshalber nochmal überprüfen müssen. Alle drei waren extrem wichtige Fälle für mich, es handelt sich um Leute, die ich in meiner Zeit in Manchester kennen gelernt habe und die alle mehr oder weniger weit weg im Ausland wohnen. So weit weg, dass ich nicht weiß wann und wo mal eine Gelegenheit herkommen soll, sich wiederzusehen.

Um die Gründe darzulegen, warum ich mich von Facebook verabschiedet habe, müsste ich, wenn ich ausführlich antworten soll, auch in Manchester anfangen. Außerdem wirds so ne kleine runde Geschichte von der man sich unterhalten lassen kann. Für alle, die keine Lust aufs Lesen haben, die Kurzbegründung lautet: Der Nutzen von Facebook stand in keinem Verhältnis mehr zur investierten Zeit. Ich will nicht sagen, dass er gegen Null tendierte, aber er war schon letztendlich sehr gering. Natürlich könnte man mir vorwerfen, ich hätte dann ja einfach weniger Zeit in Facebook investieren können. Dies hätte aber meiner Meinung nach nur dazu geführt, dass der Nutzen noch geringer wird. Denn wer auf Facebook nicht schreibt, kommentiert, interagiert, der bekommt auch nichts zurück und die Activity-Leiste bleibt leer. Ganz im Sinne einer Selbstverstärkung hätte das also dazu geführt, dass ich Facebook irgendwann auch nicht mehr genutzt hätte. Warum also den Patient lange quälen und weiter Zeit verschwenden? Ich habe mir lieber den Gnadenschuß gegeben.

Zurück zu Manchester. Die Geschichte beginnt in der Kategorie „Oma und Opa erzählen von vor dem Krieg“. Denn damals…damals, als ich mich bei Facebook angemeldet habe, brauchte man noch eine gültige E-Mail-Adresse einer englischen Universität, um überhaupt Mitglied werden zu dürfen. Facebook war damals den Studenten vorbehalten, und zwar sogar meines Wissens nach nur den us-amerikanischen und britischen. Die hatten nämlich schon alle ihr Facebook-Konto, wären die europäischen Austauschstudenten sich alle erst anmelden mussten. Was noch eine ganze Woche nach Ankunft in Manchester dauerte, denn erst dann bekamen wir eben besagte E-Mail-Adresse @student.manchester.ac.uk. Bis dahin war ich laut Aussage einer meiner Mitbewohnerinnen „socially dead“, denn das war man eben als Student in England ohne Facebook. Fast fünf Jahre ist das jetzt her. In Manchester habe ich Facebook tatsächlich rege genutzt, um mich mit anderen Leuten zu vernetzen. Die Schattenseiten wurden auch ziemlich schnell deutlich – anhand der schlechten Beispiele anderer. Unvergesslich, wie ich einmal einer Studentin aus dem Nachbarhaus auf offener Straße begegnete, nachdem ich eine Woche lang jeden Tag neue Bilder im Activity Feed sah, deren Aussage immer die gleiche war „…wurde getaggt in einem Bild von der und der Party“. Wir schauten uns an und schmunzelten, wussten wir doch beide, das sie gerade von einer sehr langen, wilden Partytour zurückkam – ohne das sie mir das erzählt hätte.

Zurück in Berlin überlegte ich kurz, ob ich mein Konto wieder löschen sollte. Mit meinen deutschen Freunden hatte ich ja keine Möglichkeit, darüber zu kommunizieren. Dafür gab es myspace. Ich habe mich dann entschieden, dass Konto zu behalten, um mit meinen Freunden, die ich in Manchester kennengelernt habe, in Kontakt zu bleiben. Und musste in den kommenden Jahren erstaunt feststellen, wie immer mehr meiner Bekannten sich dort anmeldeten und mich in Freundeszahlen und Aktivitäten weit überholten. Der zeitliche Vorsprung hat mir nichts genützt – obwohl ich auch nicht vorhatte, auf Facebook Freunde zu „sammeln“.

Irgendwann wurde myspace unbenutzbar. Zugeknallt mit eingebetteten Videos und Flashplayern stürzten Bandprofile reihenweise ab und Musikhören wurde nahezu unmöglich. Dann waren auf einmal alle auf Facebook. Der schlußendliche Auslöser, meinen myspace-account zu löschen war dann, als ich irgendwann feststellte, das alle alten Nachrichten – auch die, die ich extra gespeichert hatte – nicht mehr abrufbar waren. Vermisst habe ich myspace nicht. Und nun also Facebook. Warum tendierte der Nutzen gegen Null? Erstmal hat mich das „neue“ Facebook extrem gestört. Statt alle Neuigkeiten im Activity-Feed zu sehen, auswählbar nach „Top News“ und chronologischer Erscheinungsweise, waren die chronologischen Meldungen auf einmal in ein Mini-Fenster auf die rechte Seite verbannt, und in der Mitte erschienen immer wieder die selben zehn Nasen. Ich hatte niemals die Lust dazu, einzeln Freunde auszuwählen und deren News-Feed zu abonnieren. Extreme Zeitverschwendung. Ich denke, vielen meiner Freunde ging es ähnlich, denn die Kommentare und Likes auf meine Post wurden immer weniger. Sehr viel weniger. Dann habe ich zweimal versucht, eine Party über Facebook zu organisieren und bin grandios gescheitert. Gut, einmal lags am Wetter, aber demotiviert war ich trotzdem. Hinzu die vielen, vielen Nachrichten über rechtliche und Datenschutzfragen. Ich mochte meine tollen Urlaubsbilder einfach nicht dort hochladen. Ich mochte irgendwann auch keine persönlichen Nachrichten mehr über Facebook schreiben. Ich bin mir bewusst, das Facebook teilweise zum Sündenbock gemacht wird und mein Google-Mail Konto auch nicht besser ist. Aber da ist der Nutzen für mich größer. Wenn ich eine E-Mail schreibe, kommt auch was zurück.

Der Punkt ist: Facebook hält die Illusion aufrecht, dass du mit Menschen in Kontakt bist, aber das bist du nicht. Du könntest deine vielen Freunde, von denen du lange nichts gehört hast, anschreiben, um zu hören wie es ihnen geht, aber du kommuniziert immer nur mit den selben Leuten. Denen, zu denen du eh Kontakt hast. Du tust es nicht, weil du es ja jederzeit könntest. Die Möglichkeit lähmt deine Handlung. Ich schreibe „du“ statt „ich“, weil es nicht nur mir so geht. Deshalb habe ich mich entschieden, Facebook lebewohl zu sagen. Wer mich drankriegen will, an den PC, ans Telefon oder an Skype, der kriegt mich. Wen ich treffen will, bei dem meld ich mich. Und wen ich zufällig auf der Straße treffe, über den freu ich mich und halt ein kleines Pläuschen. Der Rest ist geschenkt. Vielleicht versuch ichs irgendwann nochmal mit social networking. Wenn diaspora endlich ans Netz geht.

Das Facebook-Konto löschen geht übrigens ganz einfach. Einfach in der Hilfe-Suche „Facebook löschen“ eingeben und dem Link folgen. Und ein letztes noch: Ja, ich weiß, dass die meine Daten noch haben. Ich wollte nicht warten, ob es in tausend Jahren mal möglich sein wird, die zum Löschen zu verpflichten.

Über die Unruhen in Manchester

In der letzten Nacht, auf den 10.08.2011, verschob sich der Fokus der momentan in England stattfindenden Unruhen von London in den Norden – besonders in Manchester und Birmingham wurde geplündert, aber auch Liverpool wurde nicht verschont. Ein etwas mulmiges Gefühl ist es schon, ein Bild von Manchester, für viele in Deutschland eine eigentlich recht unbedeutende Stadt, als Aufmacher auf allen Nachrichtenkanälen zu sehen. Immerhin ist die Stadt meine hauptsächliche Fernweh-Projektionsfläche und ich habe ein halbes Jahr dort gelebt. Daher habe ich, nachdem ich gestern abend auf tagesschau.de kurz las, das gerade in Manchester randaliert wird, die halbe Nacht damit verbracht, mich im Internet über die Ereignisse auf dem Laufenden zu halten. Nachdem ich die Fakten in der Uni alle schon vor Jahren gelernt hatte, gab es nun auch endlich meine persönlichen Internet-Twitter-Kommunikation-OpenData-Bürgerjournalismus Aha-Momemte.

Zunächst einmal hat die Live-Berichterstattung auf Guardian.co.uk meine wichtigsten Neugierden sehr gut befriedigt. Hier ist das Skript der Nachrichten, die letzte Nacht verbreitet wurden. Sehr gut, um sich einen Überblick zu verschaffen, Quellen kommen aus verschiedensten Richtungen (Augenzeugen, Polizei, andere Nachrichtenseiten, Twitter) und werden immer genannt. Die einzelnen Texte sind kurz und prägnant, aber detailliert und enthalten keine Allgemeinplätze.

Außerdem haben die Redakteure eine Karte gebastelt, auf der alle gemeldeten und von der Polizei verifizierten Vorfälle eingezeichnet sind. Ich konnte mir also anschauen, wo genau die Zwischenfälle stattfanden. Anders all in London beschränkten sich die Ereignisse in Manchester in der letzten Nacht wirklich nur auf das Stadtzentrum – andere Wohngebiete waren nicht betroffen.

Die Guardian-Karte mit Fotos ist noch ein bißchen dürftig bestückt. Aber der Flickr-pool, den die Redakteure angelegt haben, ist riesig.

Fast noch beeindruckender als die überwältigend genaue Arbeit beim Guardian fand ich die Kommunikation der Greater Manchester Police. Unter dem Kürzel GMP wurde ich die ganze Nacht lang auf Twitter informiert, was die Polizei gerade tut. Es wurden Hinweise zu öffentlichen Verkehrsmittel gegeben und Kontaktmöglichkeiten genannt, unter denen man sich als Zeuge melden kann. Und vor allem hat die GMP versucht, auf die Fragen anderer Twitter-Nutzer zu antworten. Dazwischen als Würze Ansagen wie „Viele Verdächtige auf Überwachungskameras festgehalten. Wir werden euch identifizieren und wir werden euch kriegen.“ Wem’s noch nicht spannend genug war, das machte die Sache richtig aufregend.

Vielleicht kann man auf die „Na wartet“-Sprüche verzichten. Das ist britischer Sarkasmus, der funktioniert in Deutschland einfach nicht. Ansonsten kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass die Berliner Polizei so kommunizieren würde, zum Beispiel am 01.Mai. Falls es jemand anders weiß, lasse ich mich jedoch gerne eines Besseren belehren.

Meine dritter Info-Punkt war die Facebook-Seite Manchester riot – updates 2011. Leider hab ich noch nicht herausfinden können, wer dahinter steckt. Aber als Sammelstelle für youtube-Videos von Zeugen war die Seite letzte Nacht bestens geeignet.

Nichtsdestotrotz hoffe ich natürlich, dass heute Nacht alles ruhig bleibt – in Manchester und anderswo. Über Gründe für die Aufstände brauche ich hier nicht lang und breit zu schwadronieren, statt dessen zwei Links: einen deutschen, von tagesschau.de: Da hilft nur eine ganz andere Politik; und einen englischen, vom Guardian: The psychology of looting. Beide treffen des Pudels Kern meiner Meinung nach recht gut – der englische lohnt sich wirklich. Mein persönliches Gefühl war immer, dass uns England in Sachen politischer und sozialer Probleme um Längen voraus ist. Wer über deutsche Politik gemeckert hat, dem habe ich oft gesagt: In England ist es noch viel krasser. Darin fühle ich mich jetzt leider bestätigt. Vor allem hoffe ich daher, das England seine Probleme in den Griff bekommt. Das wird ein langer Weg sein, aber jetzt gibt es keinen Grund mehr, nicht den ersten Schritt zu machen.

Die Geschichte von Manchester

BBC Manchester Radio hat eine sehr spannende Serie gemacht über die Geschichte von Greater Manchester – Manchester und die angeschlossenen Orte. In jeder Folge wird eine Stadt von Leuten vorgestellt, die sich mit deren Geschichte auskennen. Weil sie zum Beispiel im Museum arbeiten, in der Bibliothek, oder als Reiseführer. Jeder erzählt etwas über ein bestimmtes Ereignis, das mit dem Platz verbunden ist, und erklärt die Bedeutung für die Geschichte den Großraums Manchester. Dabei sind die Episoden nicht chronologisch angeordnet, sondern in thematischer Abfolge. So wird im ersten Teil eine Verbindung geschaffen zwischen dem ersten elektronischen Computer, genannt „Baby“, und dem Kampf gegen die Illegalität von Homosexualität in den 60er Jahren – und zwar über den Hinweis auf Alan Turing, Erfinder von „Baby“ und Opfer von Zwangshormonbehandlung gegen seine homosexuelle Neigung. Überraschende Fakten (unter der Victoria Train Station wurden im 20. Jahrhundert Tote begraben) reihen sich ein mit den Superlativen Manchesters: Dort stehen etwa die Kathedrale in Großbritannien, in der die meisten Ehen geschlossen wurden, sowie die älteste noch bestehende öffentliche Bibliothek im gesamten englischen Sprachraum.

Für Manchester selbst gibt es fast zu viele historisch bedeutende Ereignisse, um sie in 50 Minuten zu behandeln: Erwähnt werden unter anderem Ernest Rutherford, der hier seinen ersten Schritte in der Nuklearphysik machte, Charles Rolls und Henry Royce, die hier groß ins damals noch unbekannte Automobilgeschäft einstiegen, und Emmeline Pankhurst, die mit ihrer politischen Radikalität den Grundstein für die Emanzipationsbewegung legte. Auch eine kurze Begegnung mit Manchester United darf nicht fehlen.

Spannender dürften die Episoden über die Vororte von Manchester werden, die in den anderen Episoden behandelt werden. Da bleibt bei 50 Minuten sicher mehr Zeit, ausführlich über bedeutende Persönlichkeiten und wichtige Ereignisse zu sprechen.

Das Ganze hat nur einen Haken: Die BBC stellt die Sendungen nur für einen begrenzten Zeitrahmen zur  Verfügung. Die erste Sendung wird nur noch heute online abrufbar sein. Es ist schon enttäuschen, hier über etwas zu schreiben, was schon bald nicht mehr zur Verfügung stehen wird. Ich vermute mal, dass es rechtliche Gründe dafür gibt. Ärgerlich ist es in jedem Fall. Ich hätte gerne für eine digitale Kopie bezahlt und auf die BBC-Seite verlinkt, damit ihr es mir nachmachen könnt. So wird der Link zur Sendung leider sehr bald ins Nichts führen.

Gefunden habe ich die Sendung bei Northern Voices. Ich werde mal nachfragen, vielleicht kann man mir da einen Tipp geben, wie ich an einen Mitschnitt der Sendung gelange.

 

sexy bücher

man muss bücher nicht gelesen haben, um drüber schreiben zu können (die redakteure einschlägiger popkulturzeitschriften – buärg – werden mir recht geben. bitte sagt aber bescheid, wenn meine texte auch so altklug und unlesbar sind!).

in den letzten wochen zur persönlichen erbauung erhalten habe ich folgende werke:

ganz unten manfred krugs autobiographie mein schönes leben, erstanden für nen appel und n ei bei der restebuchhandlung, ich meine modernes antiquariat, meines vertrauens. das hatte ich mal als hörbuch, allerdings war da irgendwas nicht in ordnung – das dritte kapitel fehlte und danach waren alle kapitel durcheinander. ich geh mal davon aus, dass das keine künstlerische intention war und versuch das ganze nochmal als buch.

great britons, der band darüber, ist das geschenk von jemanden, der weiß was mir gefällt. erinnert sich noch jemand an die furchtbare sendung unsere besten im zdf? da wurden erstmal vorschläge gesammelt für die wichtigsten deutschen überhaupt und sowieso, und in der finalsendung durften dann einschlägige prominente (ich erinnere mich nur noch an alice schwarzer, die für die geschwister scholl warb mit einem satz wie „wählen sie doch mal junge menschen die was zweifellos gutes gemacht haben“, was ich ziemlich erfrischend fand im vergleich zu den sonstigen langweiligen alten spießer-säcken, die über andere langweilige alte spießer-säcke geredet haben) ihre persönlichen favouriten vorstellen. in großbritannien gab es das auch, aber es lief anscheinend ein bißchen anders ab, denn die texte im buch stammen nicht von prominenten, sondern von, räusper, professoren und wissenschaftlern. allerdings schrieben auch die immer nur ein vorwort, denn das buch ist von der national portrait galerie herausgegeben worden, also sowas wie die staatliche porträtsammlung, und deshalb beschreibt es hauptsächlich bilder, die von den zehn für die briten wichtigsten landsmänner existieren. bloß gut, dass es lady di grade noch in die top ten geschafft hat, schließlich galt sie mal als meistfotographierte frau der welt. auf platz eins steht natürlich die britin par excellence, elisabeth die erste. danach folgen, zugegebenermaßen auch mir teilweise unbekannte leute. platz zwo gehört dem guten willi, william shakespeare, isaac newton landete auf platz 4, charles darwin auf der 7, winston churchill auf der 8. das buch, wie gesagt, nicht zu empfehlen für leute die nicht an kunst interessiert sind, aber immerhin erfährt man, das charles darwin unter nervösen flatulenzen litt.

die zdf-wahl gewann übrigens damals konrad adenauer, über dessen biographie ich trotz kz-internierung auch etwas widersprüchliche informationen wie „hat sich während der nazizeit aus allem rausgehalten und rosen gezüchtet (langweiliger alter spießer-sack) sowie versucht, sich mit der nsdap gutzustellen“ gehört habe. man gebe mir eine gute, kritische adenauer biographie und ich lasse mich eventuell auch umstimmen, dennoch bin ich, wenns um den besten deutschen geht, „im zweifel gegen den angeklagten“. vielleicht schreibe ich irgendwann man einen eintrag über meine nummer eins, johannes gutenberg, ein dufter typ der uns alle vor der hexenbrennung und mittelalterlichen willkür bewahrt hat, in gewisser weise.

jetzt bin ich auch fast fertig mit langweiligen chartsplatzierungen, nur eins noch, gewissermaßen als überleitung: platz neun der briten ging immerhin an john lennon. ich kann mich nicht erinnern, das in der deutschen wahl ein musiker ähnlich weit oben gelandet wäre, aber danke john, jetzt müssen wir uns geographisch gesehen gar nicht so weit weg bewegen, von liverpool aus sind es nur zwei stunden im gut erschlossen öffentlichen überlandbusverkehr großbritanniens und wir landen beim nächsten buchthema:

in einem fernweh-geprägten kaufrausch erstand ich drei bücher die sich alle lose mit dem thema musik in manchester befassen. der klassiker darunter ist manchester, england von dave haslam, ein mann der dabei war, wie man so schön sagt. er beschreibt die musikszene in manchester vom jazz über mod und punk bis britpop usw. welchen stellenwert das buch hat, schreibt haslam selbst schön auf seiner myspace seite: „vor mehr als sieben jahren geschrieben, verkauft sich immer noch durchschnittlich 55 mal im monat, wahrscheinlich größtenteils an verwirrte studenten, die ihre abschlussarbeit über die rave-kultur schreiben.“

einer, der eben diese rave-kultur miterlebt und in gewissem maße auch geprägt hat, ist bez, seineszeichens tänzer – und also solcher vollwertiges mitglied – der ende80er/anfang90er entstandenen band happy mondays. ein musiker war bez nie, dafür konnte er gar nicht anders, als zu tanzen, sobald die mondays musik erklingen ließen – nicht nur auf der bühne, sondern auch im studio war er zu diesem zweck dabei. seine hauptaufgabe war aber, für shaun ryder (sänger+texteschreiber), dessen bruder paul (bassist) und die andern jungs drogen jeglicher couleur und in jeglichem agregatzustand zu besorgen. hierbei befand sich bez gewissermaßen in seinem natürlichen element. irgendwann waren die mondays vorbei und bez gewann die britische ausgabe von celebrity big brother. jetzt sind die wieder vereint, und auch bez ist mit dabei, 43 jahre auf dem buckel und dennoch fit wie ein turnschuh. tanzen gegen drogen!

seine autobiographie mit dem schönen titel freaky dancin‘ hab ich also auch gekauft. sie fehlt auf dem photo, wurde gleich in die hände eines interessierten gegeben, der sich schon stundenlang eins gekichert hat beim lesen.

eine weitere persönlichkeit aus manchester ist der held des nächsten buches, auf dem bild nummer 4 von unten. who killed martin hannett, wer hat martin hannett getötet, heißt es, und meine spontane antwort „der alkohol“ beschreibt natürlich auch nur die symptome, nicht aber die ursachen. martin hannett war ziemlich durchgeknallt, aber ein musikalisches genie, ein typ den man wahrscheinlich nie richtig verstehen kann, und das er so einzigartig war, das wird wohl der grund dafür gewesen sein, warum er ein übles ende nahm. im film über die musikszene in manchester, 24 hour party people, steht er mit einem mikrofon auf einem hügel außerhalb von manchester, um „stille“ aufzunehmen, als er gefragt wird, ob er joy division produzieren möchte. dafür müssten ihn die ganzen röhrenjeans-jungs die jetzt den riesen hype um joy division machen, verehren, aber martin hannett ist ziemlich unbekannt. das saufen kann er nicht lassen, er wird aufgeschwemmt, keiner versteht seine musikalischen visionen, und als er mitte/ende der 90er stirbt ist er zu fett für einen normalen sarg. martin hannett war größer als das leben.

und damit haben wir die oberen drei titel meines schönen stapels erreicht. wir kommen nun zur pflichtlektüre: christopher isherwoods goodbye to berlin, das lose als inspiration für das musical cabaret diente – so lose, dass die verfilmung mit dem originaltext nicht viel mehr gemein hat als den namen der hauptfigur – und the innocent von ian mcewan sind zwei bücher über berlin. ersteres spielt vor dem zweiten weltkrieg, in der sicher wirren übergangsphase von den goldenen zwanzigern (die für die normale bevölkerung alles andere als „golden“ war, sondern eine harte zeit mit schweren schicksalen) zum nationalsozialismus, der dann für jeden, der eine gewöhnliche ehrliche haut oder ganz anders war, definitiv beschissen war. the innocent wiederum spielt im berlin der fünfziger jahre, als besatzer die stadt beherrschten und sich gegenseitig (und darum gehts auch im buch) das leben schwer machten.

das ganze wird zusammengefasst unter dem thema „englische literatur über berlin“ und ist als solches teil der chose, die ich zu studieren versuche. aber es interessiert mich so sehr, dass ich die sekundärliteratur gleich noch mit ganz oben drauf gepackt habe. welcome to berlin, ein buch über das image berlins in der englischspachigen welt. weit bin ich noch nicht drin gekommen, ein bißchen zuviel friedrich der zwote am anfang (wer??). unkonventionelle ideen werden belohnt, vielleicht kann ich ja eines tages parallelen zwischen dem alten fritz und dem ollen bez ziehen, oder so. ich halte euch auf dem laufenden.